Zeitung Heute : Viel Feind, wenig Ehr

Helmut Kohl vergisst nie, nicht einmal am Grab. Dass er beim Staatsakt für Rau fehlte, war also ehrlich – aber auch vordemokratisch

Lorenz Maroldt

Alle, die in diesem Land politisch etwas bewegt haben, nahmen an der Trauerfeier für Johannes Rau in Berlin teil. Nur einer nicht. Wo war Helmut Kohl?


Wo genau Helmut Kohl während der Trauerfeier für Johannes Rau war und was er in dieser Zeit tat, darüber gibt es keine offizielle Auskunft. Lutz Stroppe aus Kohls Büro erklärt dazu lediglich: „Der ehemalige Bundeskanzler hatte einen anderen Termin.“ Weitere Auskünfte aus Helmut Kohls Umgebung sind widersprüchlich. Mal heißt es, er sei erst gegen Mittag in Berlin angekommen, dann wieder, er sei zur betreffenden Zeit – also zwischen 11 und 12 Uhr 50 – in der Stadt gewesen. Gar keine Auskunft gibt es auf die Frage, warum Kohl dem Staatsakt ferngeblieben ist, ob also dieser andere Termin so viel wichtiger war für einen früheren Bundeskanzler als die Trauerfeier für einen früheren Bundespräsidenten – oder ob Kohls Abwesenheit als persönliche und politische Demonstration zu verstehen ist. Für Letzteres gibt es allerdings eine ganze Reihe von Anhaltspunkten.

Kohl, so heißt es, kennt nur drei Arten von Menschen: ehrbare Freunde, charakterlose Feinde, hoffnungslose Langeweiler. Rau gehörte für ihn zweifellos zu den Feinden. Direkt und im großen Stil prallten beide erstmals vor der Bundestagswahl 1987 aufeinander. Rau, damals Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, war 1985 von der SPD zum Herausforderer Kohls bestimmt worden. In dieser Zeit ermittelte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss in der Parteispendenaffäre, die mit dem Namen Flick verbunden ist. Kohl verwickelte sich bei seiner Aussage in Widersprüche, der CDU-Generalsekretär Heiner Geißler versuchte dies mit einem „Blackout“ zu erklären, die Bonner Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen des Verdachts der uneidlichen Falschaussage auf. Die CDU, deren Vorsitzender Kohl war, vermutete, hinter den Ermittlungen stecke ein Komplott: Die Regierung Rau habe die Staatsanwälte unter Druck gesetzt, hart gegen Helmut Kohl zu ermitteln.

Es passt jedenfalls in das Bild von Rau, wie es Kohl in seinen Erinnerungen zeichnet. Abfällig, mitunter auch voller Verachtung beschreibt Kohl in seinem Buch den späteren Bundespräsidenten. So ist im Kapitel zum Besuch Honeckers 1987 über das Treffen des DDR-Staatsratsvorsitzenden mit den Spitzen der Bonner Parteien auf Schloss Gymnich zu lesen: „Was dabei besprochen und verhandelt wurde … reichte von netten Gesten und Schmeicheleien bis zu einer fragwürdigen Kumpanei … Vor allem Honeckers Treffen mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau war an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Dass Rau von Honecker auch noch wissen wollte, ob überhaupt und, wenn ja, von wem bei den Bonner Gesprächen die Grenzfrage und der Schießbefehl angesprochen worden sei, war eines deutschen Ministerpräsidenten nicht würdig.“

In einer anderen Passage beschäftigt Kohl sich mit einer Begebenheit aus dem Jahr 1986, also noch vor der Bundestagswahl. Im September hatte Kanzlerkandidat Rau verkünden können, die DDR lasse ab Oktober keine Asylbewerber mehr in ihr Land – eine Nachricht von Bedeutung. Zuvor waren die Flüchtlinge von der DDR in den Westen abgeschoben worden. Die Kohl-Regierung hatte dieses Problem nicht lösen können. Ein wichtiger Punkt also für den Herausforderer Rau, und eine Blamage für Kohl. Der schreibt darüber in seinen Erinnerungen: „Erich Honecker hatte dafür eine hohe Gegenleistung aus Bonn bekommen: das Versprechen von Johannes Rau, sollte die SPD die Bundestagswahl im Januar 1987 gewinnen, in seinem Regierungsprogramm die volle Respektierung der DDR-Staatsbürgerschaft zu verkünden. Das also war der Preis für den besonderen Wahlkampfhit meines Herausforderers.“ Dass Rau Jahre später Fragen nach Absprachen verneinte, „zeigte nur seine Charakterlosigkeit“. Es bleibe der Verdacht, Rau habe das Landesparlament belogen. „Allein dieser Vorgang hätte ausreichen müssen, ihn 1999 nicht in das höchste Amt zu wählen, das unser Land zu vergeben hat.“

Rau hat noch kurz vor seinem Tod diese Darstellung Kohls, der sich auf SED-Akten beruft, in einem Leserbrief an die FAZ bestritten. Er habe „nie mit Honecker oder mit anderen über dieses Thema gesprochen“.

Honecker und Rau – das treibt Kohl auch an anderer Stelle seiner Erinnerungen um. Wieder geht es um die Geraer Forderungen Honeckers aus dem Jahr 1980, die DDR-Staatsbürgerschaft, die Auflösung der zentralen Erfassungsstelle für DDR-Unrecht in Salzgitter, die Aufnahme normaler völkerrechtlicher Beziehungen. Kohl schreibt, bei einigen dieser Forderungen sei Johannes Rau schwach geworden – aus „Opportunismus“.

Rau war 1987 mit dem Motto „Versöhnen statt spalten“ angetreten. Versöhnung ist für Helmut Kohl aber anscheinend etwas Fremdes. Kohl nimmt übel, ewig. Frühere Freunde, die er später zu Feinden erklärte – Norbert Blüm oder auch Heiner Geißler – haben dies bitter erfahren. So muss man Kohls Abwesenheit beim Staatsakt für Rau wohl sehen als einen Akt brutaler Ehrlichkeit, wie Kohl sie versteht: Offene Missachtung seiner Feinde, keine Versöhnung, niemals, nicht mal am Grab.

Immerhin: auch keine Heuchelei. Aber Kohls Verhalten zeugt von vordemokratischer Selbstherrlichkeit. Am Mittwochabend ließ er sich vom Bundespräsidenten Köhler nur zu gerne mit „Sehr geehrter Herr Bundeskanzler“ anreden, wie es das Protokoll ja auch vorsieht; Kohl trägt diesen Titel mit Stolz. Aber mit Würde? Sich und seine Entourage lässt er vom Volk bezahlen, doch die Verpflichtungen, die sich daraus ableiten lassen, stellt er ins Belieben seines persönlichen Empfindens. So gesehen wäre er im Dom tatsächlich fehl am Platze gewesen.

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