Zeitung Heute : Viel Glas, viel Licht - aber noch keine Passage

Miroslav Volf

Neues Bauen in Berlin: Das Dussmann-Kulturkaufhaus an der Friedrichstraßevon Miroslav Volf Die Innenstadt zu verdichten und auch den nördlich der Linden gelegenen Teil der Friedrichstraße zum gehobenen Arbeits- und Shoppingquartier zu machen, war Ziel eines städtebaulichen Wettbewerbs, der auf Initiative des Senats hin ausgelobt wurde.Das Kulturkaufhaus von Dussmann macht den Anfang.Seine Architektur wird maßgeblich von den Vorgaben geprägt: Die Friedrichstraße wurde an dieser Stelle auf 14 Meter verengt.Der Fußweg führt deshalb durch eine Arkade.Der städtebauliche Plan des Büros Nalbach sah eine zweite Passage parallel zur Straße vor, die das Muster der "typischen kleinen Höfe der Dorotheenstadt" weiterspinnen sollte.Sie besteht bis heute nur als Stummel. 1993 wurde ein eingeladener Wettbewerb nur für das westliche Grundstücksteil des Blocks 210 ausgelobt, den der Tscheche Miroslav Volf, der seit Jahrzehnten in Saarbrücken lebt, gewann.Er hält sich in seinem Entwurf einerseits brav an die Vorgaben, versucht andererseits, insbesondere die schwierige Belichtungssituation intelligent zu lösen.Entstanden ist ein Haus mit zwei Gesichtern: eine schwere Steinfassade zur Straße hin und ein lichter Innenraum.Das entspricht der typischen Schizophrenie des Berliner Städtebaus der neunziger Jahre.Symptomatisch ist das Dussmann-Haus aber noch aus einem anderen Grund: Der Bauherr, der den Hauptsitz seines Dienstleistungsfirmenkonglomerats hierher verlegte, wollte die Einzelhandelsflächen in den unteren Geschossen ursprünglich vermieten.Nur weil sich keine Kunden fanden, beschloß Dussmann, der aus einer Buchhändlerfamilie stammt, die Flächen selbst zu nutzen und als Kulturkaufhaus einzurichten. Mit einem leibhaftigen Bauherrn umzugehen und den Nutzer zu kennen, war für den Architekten natürlich von großem Vorteil.Weil ein Kultursupermarkt aber nach Ansicht des Bauherrn nur mit einer bestimmten Größe funktioniert, mußten die Pläne geändert werden.Die Handelsflächen waren lediglich im Erdgeschoß, Untergeschoß und im ersten Obergeschoß vorgesehen.Das zweite Obergeschoß, ursprünglich als Bürogeschoß gedacht, wurde dem Kaufhaus zugeschlagen.Das ist deutlich zu merken.Es war nicht nur unmöglich, das weitere Geschoß ebenfalls mit Rolltreppen zu erschließen - Glastreppen übernehmen die Funktion -, auch die Geschoßhöhe ist niedriger und zeigt sich mit einer Bürofassade im Straßenraum. Den obligatorischen Wohnanteil von zwanzig Prozent der Bruttofläche wurde in einem Boarding-house an der Dorotheenstraße untergebracht.Mario Campi aus Lugano hat dafür zwei Altbauten und einen Neubau zusammengefaßt.Die zweigeschossige, sechs Meter hohe Arkade, die etwas zugig und spröde wirkt, wird von abgesäuerten Sichtbetonoberflächen geprägt.Der Beton wurde mit Marmormehl veredelt.Entlang der Mittelstraße mußte ein Altbau erhalten werden.Tatsächlich wurde nur die erste Raumtiefe des Altbaus gerettet, der zudem eine größere Geschoßhöhe hat als der Neubau.Der Höhenvorsprung muß umständlich über Treppenstufen ausgeglichen werden.Die Erhaltung einer bloßen Fassade ist lediglich Kitsch.Weil der asymmetrische Eingang, über den die Kunden den Hof erreichen, ebenfalls zweigeschossig ist, sind die Flächen im ersten Obergeschoß straßenseitig nicht miteinander verbunden; und weil das Kaufhaus nur im Westen die ganze Tiefe des Blocks einnimmt, entstanden zwei Eckfassaden, die von zwei Materialien geprägt werden: Sichtbetonstürzen und österreichischem Marmor, der um die Pfeiler herum gemauert wurde.Die Stürze tragen den Steinvorhang.Im Vergleich zur verspiegelten Banalität der Fassaden des Hotels Maritim gegenüber ist das Gesicht des Dussmann-Hauses diszipliniert. Aber so stur das Haus außen wirkt, so freundlich ist es innen: Miroslav Volf hat das gesamte Haus um einen Hof herum konzipiert.Rücksprünge im Atrium öffnen sich kaskadenartig zum Himmel.Die Tiefe der Räume nimmt deshalb nach oben hin von fast sieben auf vier Meter ab.Im letzten Geschoß ist das Gebäude nur noch einhüftig, die Erschließung liegt am Hof.Die Stützen, die in den unteren Geschossen noch im Innenraum stehen, schälen sich mit zunehmender Höhe immer weiter aus der Baumasse, bis sie schließlich frei stehen.Weil es sich bei dem Gebäude mit acht Ober- und zwei Untergeschossen baurechtlich um ein Hochhaus handelt, waren für das Atrium besondere Brandschutzauflagen zu berücksichtigen. Die Innenfassade besteht komplett aus Glas, und eine ebenfalls gläserne, elegante Kuppel schließt den Raum ab.Das Ingenieurbüro Schlaich hat diese begehbare, in zwei Richtungen gekrümmte Konstruktion entwickelt.Gläserne Faltwände grenzen die Welt der Bücher zum Hof hin ab, eine Ausstellungsfläche in der zweiten Etage öffnet sich ganz zum Hof.Im Siebdruckverfahren aufgebrachte Streifen markieren die Geschoßdecken.Aluminiumbleche unter den Decken in den Arbeitsräumen sind Bestandteil eines Lenksystems, das Zenitlicht bis auf jeden Schreibtisch bringen soll.Glastrennwände zwischen den Büros geben dem Innenraum zusätzlich eine leichte Ästhetik.Auf künstliches Licht kann trotzdem selbst mittags nicht verzichtet werden.Die Räume sind unsinnigerweise vollklimatisiert und von den Firmenfarben Rot und Weiß dominiert.Die umfangreichen Abluftanlagen mußten deshalb hinter einer Attika versteckt werden.Die Kastenfenster zur Straße hingegen haben Öffnungsflügel.Im Scheibenzwischenraum befinden sich ebenfalls Lichtlamellen, die sich individuell regeln lassen.Innen haben die Fenster Rahmen aus Eiche, außen aus Metall.Von hier genießt man einen schönen Ausblick auf die Linden, wegen des bisher unbebauten Nachbargrundstücks.Das könnte sich jedoch schon bald ändern.Das Passagennetz soll vom Bahnhof bis Unter die Linden weitergebaut werden. Und auch Dussmann plant eine Expansion.Dort, wo sich heute Glasfahrstühle befinden, wird ein zweiter Hof entstehen und die Passage in die Tiefe des Grundstücks verlängert.Der Name "Dussmann-Passage" für das Medienkaufhaus ist gleichwohl irreführend.Denn eine funktionierende Passage schafft das Haus auf absehbare Zeit nicht.Das allerdings ist noch keiner Passage in Berlin gelungen.Die Grundregel - daß Passagen nur dann angenommen werden und Bewegung motivieren, wenn sie zwei Ziele miteinander verbinden - wird immer wieder ignoriert.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben