Zeitung Heute : Viel Leid, kein Trost

VOLKER STRAEBEL

Michael Mantlers "School of understanding" im Hebbel TheaterVOLKER STRAEBELZehn Jahre wird es etwa her sein, daß die amerikanische Kunstszene begann, sich des Themas Aids anzunehmen.Im musikalischen Bereich entstanden nach zumeist sentimentalen "letzten" Instrumentalwerken vor allem Musiktheater, die inzwischen das Genre der Aids-Oper ausgebildet haben.Mit handlungsarmen Klagesängen zollen die Komponisten New Yorks und San Franciscos dem Leiden und Sterben Tribut, scheitern aber zumeist an der Schwere ihres Sujets. Michael Mantlers "sort-of-an-opera" unterschriebene "School of Understanding" hat nicht nur Aids, sondern gleich die ganze Welt von Verfolgung, Krieg, Hunger und Flüchtlingselend zu ihrem Gegenstand.Fünf erwachsene Schüler mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten reflektieren unter der Anleitung eines Lehrers (Per Jörgensens gepreßter Pop-Tenor macht einen schon beim Zuhören heiser) die auf Katastrophenmeldungen eingedampften Fernsehnachrichten, deren laienhafter Tonschnitt bald ebenso ärgert wie die Schlechtigkeit der Welt, von der sie künden.Über die Monitore gibt auch der als Beobachter im Rang plazierte Jack Bruce (Ex-Cream) seine altklugen Kommentare ab.Die setzen sich mit ihren Viertonphrasen über vom Band eingespielten, statisch-orchestralen Streicher- und Synthesizerklängen auch musikalisch vom übrigen Geschehen ab, das mit schnellen Patternrepetitionen und tonalen Rückungen der Soft-Minimalmusic von Philip Glass und John Adams verpflichtet ist. Dem im Halbkreis vor den Mikrophonen sitzenden Vokalsextett, das dem Stimmideal des Rock und Jazz huldigt (einzig Susi Hyldgaard könnte wohl mehr, wenn man sie ließe), ist eine kleine, sehr präzis agierende Combo aus Streichquartett, Marimba- und Metallophon, Gitarre, Klarinette und Klavier beigegeben, deren Monitor-Boxen das Bühnenbild mit auf dem Boden verstreuter Winterkleidung kaschiert.Auf den Horizont schließlich läßt Mantler, der das Ensemble von der Seite leitet und hin und wieder seine wunderbar traurigen Trompetensoli einstreut, Schwarzweißfotos von Sebastiao Salgado projizieren. So viel Leid war selten.Nach knapp zwei Stunden Schreckensnachrichten, die uns ebenso hilflos zurücklassen wie die "Schüler des Verstehens", verebbt das seichte Requiem in dem Langgedicht "What Is The Word" Samuel Becketts, dessen wiederkehrendes "folly" (Torheit, Narretei) die Welt meinen soll, aber ebenso den Komponisten trifft.Für beide gibt es keinen Trost und keine Entschuldigung. Hebbel-Theater, heute, 20 Uhr.

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