Zeitung Heute : Viel mehr als ein Platz in Berlins Mitte

GERD APPENZELLER

Der Umbau des Reichstagsgebäudes zum Tagungsort für den Bundestag wirkt als das sinnfällige Symbol für die Verlagerung der politischen Gewichte der Republik von Bonn nach Berlin.Die massive Umgestaltung der Stadtarchitektur vor allem im Ostteil ist sichtbarer Ausdruck der Hoffnung in die künftige wirtschaftliche Strahlkraft Berlins.Die teilweise durchaus ambitionierten neuen Wohnsiedlungen in den brandenburgischen Randzonen der Stadt können als der manifeste Beweis dafür herangezogen werden, daß Berlin nicht mehr eingemauert, sondern eine ganz normale Stadt mit Umland ist.Der Potsdamer Platz aber, der heute den Berlinern wieder zurückgegeben wird, bündelt alles in einem.

Fast auf der Mitte zwischen den traditionellen Zentren Berlins am Alexanderplatz und um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gelegen, verbinden sich hier Aufbruchgefühle mit dem festen Glauben daran, daß diese Stadt eine Zukunft hat.Der Potsdamer Platz, von dem die Bürger heute nach Jahrzehnten der Ödness und Brache wieder als strahlendem Bestandteil der Stadt Besitz ergreifen können, ist vor allem auch ein Beleg dafür, das nichts stärker ist als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.Edzard Reuter war der Mann, der Daimler Benz vor dem Fall der Mauer ermutigte, hier Gelände zu kaufen und nach dem sytemsstürzenden 9.November über alle ursprünglichen Planungen hinaus zu investieren.Seine Nachfolger haben diese Entscheidung mitgetragen und standen zu der Stadt auch in einer ökonomischen Phase, in der Investitionen dieser Größe manchmal tollkühn schienen.Heute können sie sich in dem beruhigten Gefühl etwas entspannter zurücklehnen, daß die Marktentwicklung ihnen Recht gegeben hat.Berlin hat Zukunft und der Potsdamer Platz mittendrin allemal.

Um daran und an dem ganzen Projekt Zweifel zu haben, mußte man ja wahrlich kein Schwarzseher sein.Konnte es denn gutgehen, dieser bau-symphonische Versuch der internationalen Architektenschar, von denen jeder einzelne sich vielleicht eher als Solist denn als Konzertmusiker sah? Es konnte gelingen, weil Renzo Piano mit seinem Masterplan quasi die Partitur geliefert hat, welche Harmonie garantierte.Wie in der mittelalterlichen Stadt versammelte sie die Baumeister, diszipliniert und dennoch höchst individuell gestaltend, um eine Ideal-Konzeption.Was daraus entstand, ist eine Stadt, wie gewachsen in Jahrzehnten, deren Komponenten sich gleichermaßen zueinander fügen und aneinander reiben und somit Spannung erzeugen.

Was diese Stadt allemal nicht ausstrahlt, obwohl die Kritiker des Potsdamer Platzes mit der Vokabel wie mit einer Schablone hantieren, ist die Kühle einer virtuellen Welt.Das ist auch kein Kunstherz, was einem leblosen Stadtkörper eingepflanzt wurde.Hier war, nochmal, Leere.Hier konnte man nicht mit einem Haus beginnen und hoffen, der eine oder andere Bauherr würde im Laufe der Jahre dieses und jenes dazustellen.In zehn Jahren hätte sich vermutlich noch nicht einmal als Raster erkennen lassen, was heute mit Inhalt gefüllt ist.

In Sichtweite des Potsdamer Platzes, im Reichstagsgebäude, wird im kommenden Mai der Bundespräsident gewählt.Einen Steinwurf davon entfernt, wächst das neue Kanzleramt aus dem Boden; dahinter bescheiden Schloß Bellevue, der Amtssitz des Staatsoberhauptes.Kulturforum und Friedrichstraße, Philharmonie und Konzerthaus am Gendarmenmarkt liegen in einem Kreis um den Potsdamer Platz verteilt.Der wiederum selbst kann vielleicht nicht beanspruchen, die Mitte Berlins zu sein.Aber mit ihm hat Berlin wieder ein Herzstück in der Stadtmitte zurück.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben