Zeitung Heute : Viel Piste, wenig Party

Sandra Hoffmann

Die Lifts haben gerade ihren Betrieb aufgenommen, unruhig wippt eine Gruppe Nachwuchs-Snowboarder im Schnee auf und ab. Makellos weiß und in sanften Wellen liegt der unterste Abschnitt des Marienbergjochs vor ihnen - ein properes Revier für Wintersportanfänger. Vor allem an den Wochenenden tummeln sich deshalb etliche Skikursgruppen auf den Pisten hier im Tiroler Zugspitzgebiet. Doch auch Fortgeschrittene kommen auf den Abfahrten und Loipen der Region auf ihre Kosten.

Niederländisch, Französisch, manchmal auch Italienisch ist in den Schlangen am Lift zu hören. Daneben gilt die Region inzwischen aber auch als eine Art "Hausskigebiet" für viele Wintersportler aus dem nahe gelegenen München. Im wahrsten Sinne des Wortes lassen sie auf dem Weg in die Berge die Skigebiete der deutschen Zugspitzseite links liegen und kurven stattdessen auf einer schmalen, häufig tief verschneiten Landstraße weiter in Richtung Österreich.

Es sind vor allem die größere Ruhe und die kürzeren Warteschlangen an den Lifts, die Wintersportler in das weitläufige Tiroler Tal locken. Umrahmt von gewaltigen Gebirgsmassiven, haben sich dort im Schatten der alles überragenden Zugspitze die verschiedenen Orte trotz steigender Touristenzahlen bis heute ihren eigenen Charakter bewahrt. Wer auf Partys im Schnee hofft, bei denen Musik dröhnt und der Jagertee in Strömen fließt, ist hier am falschen Platz.

Den größten Ort bildet mit rund 2400 Einwohnern und etwa 4000 Gästebetten Ehrwald. Die zum Ort gehörenden Skigebiete wie die Ehrwalder Alm sind eher unspektakulär. Flach führen die Pisten durch den Bergwald - selbst Anfänger können es hier einfach laufen lassen.

Ehrwald ist aber auch der Ausgangspunkt, um mit der Kabinenbahn von der österreichischen Seite aus auf die Zugspitze hinauf zu kommen. Nicht einmal zehn Minuten dauert die Fahrt bis zum 2961 Meter hoch gelegenen Gipfel. Hüllt sich die Bergspitze gerade nicht in Wolken, reicht der Blick von dort weit über zahlreiche Alpengipfel wie den Großglockner im Süden oder den Piz Bernina in der Schweiz.

Vom Gipfel aus führt eine Gletscherbahn hinunter zum Zugspitzplatt auf der deutschen Seite, wo von Oktober an bis in den Mai hinein Ski gefahren werden kann - auf überwiegend leichten, am Wochenende jedoch oft heillos überfüllten Pisten.

Vergleichsweise gemächlich geht es in Biberwier zu. Mit nur etwa 550 Einwohnern ist der am Ende des Tales am Fernpass gelegene Ort ein Dorf geblieben. Große Hotels finden sich hier kaum. Stattdessen wohnen die Gäste - meist Familien - in Ferienwohnungen oder einfachen Pensionen. Ein Nachtleben gibt es höchstens in den wenigen kleineren Restaurants. Gefeiert und getrunken wird aber auch tagsüber auf den verschiedenen Hütten entlang den Abfahrten. Fast gespenstisch wirkt die vollkommene nächtliche Stille in den schmalen Straßen des Ortes.

Selbst in der Hochsaison muss an den Lifts des Skigebiets von Biberwier, dem Marienbergjoch, nur selten länger gewartet werden. Der Bereich unterhalb der Talstation ist häufig fest in der Hand von Ski- und Snowboard-Kursen - in vollbesetzten Bussen kommen sie meist schon an, bevor die Lifts ihren täglichen Betrieb aufnehmen.

Ein anspruchsvolles Gelände finden Wintersportler oben am Marienbergjoch. Auf einer Buckelpiste und einem meist unpräparierten, häufig wegen Lawinengefahr gesperrten Steilhang können Fortgeschrittene ihr Können und ihre Kondition auf die Probe stellen. Weniger Wagemutige finden allerdings auch sanfter abfallende Pisten.

Um einiges größer ist das Skigebiet von Lermoos, dem zweitgrößten Ort im Tal. Wie ein Netz ziehen sich die Abfahrten über den 2233 Meter hohen Grubigstein. Insgesamt verfügt Lermoos über 30 Kilometer Pisten, die bis in den Ort hinein führen - von der Piste geht es also direkt zum Après-Ski, das allerdings auch hier im Vergleich zu manchem anderen Skiort in den Alpen bescheiden ausfällt.

Wie überall im Tal wurde auch am Grubigstein in den vergangenen Jahren viel Geld in die Modernisierung der Liftanlagen gesteckt. Wo früher Einer- oder Zweier-Sessellifts gemächlich den Berg hinauf gondelten, beschleunigen jetzt Kabinen- und schnelle Sesselbahnen für bis zu vier Personen den Transport der Wintersportler. Eng wird es auf den Pisten höchstens an einigen Stellen, auch wenn der Trubel an der Mittelstation erst einmal anderes vermuten lässt.

Doch der erste Eindruck täuscht: An der Mittelstation teilen sich lediglich die Ströme der Skifahrer und Snowboarder. Wer ohne größere Anstrengungen Ski fahren will, startet von hier aus zurück ins Tal. Die anderen fahren weiter nach oben in Richtung Gipfel. Eisig weht dort der Wind über die fast völlig kahlen Hänge. Skifahrer haben die Wahl zwischen einer ganzen Reihe von Abfahrten, eine davon ist jedoch wirklichen Könnern vorbehalten.

Das Zugspitzgebiet ist aber nicht nur ein Ziel für Alpinskifahrer. Für Langläufer werden etliche Kilometer an Loipen gespurt. Immer mit Blick auf die Zugspitze können Langläufer zum Beispiel von Heiterwang quer durch das Tal bis nach Ehrwald und Biberwier laufen. Werden die Schneeverhältnisse im Tal zum Frühjahr hin schlechter, finden sich eine Etage höher bessere Bedingungen: Auf verschiedenen Höhenloipen ist Langlauf in der Regel bis in den März hinein möglich.

Dazu kommen Tiefschneegebiete für Tourengeher oder der Skiwanderweg von Ehrwald durch das Gaistal ins benachbarte Leutasch. Hier können Urlauber auf den Spuren von Ludwig Ganghofer wandeln, der das Tiroler Zugspitzgebiet zu seiner Wahlheimat machte. Von Ehrwald aus ging er ins Gaistal zur Jagd und ließ sich von der Landschaft zu immer neuen Romanen inspirieren.

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