Zeitung Heute : Viel Zeit für wenig Geld kaufen

MAURICE SHAHD

Mit einem ungewöhnlichen Tarifkonzept wartet der heutige Testkandidat auf, die Gesellschaft für Internet-Kommunikation mbH, kurz Ginko.Bei Ginko zahlt der Kunde neben einer monatlichen Grundgebühr für die Menge der übertragenen Daten - eine Form der Abrechnung, die sonst nur bei Geschäftskunden üblich ist.In der Grundgebühr in Höhe von monatlich 9 Mark 90 sind die kostenfreie Übertragung von zehn Megabyte (MB) enthalten.Für jedes weitere MB fallen 42 Pfennig an, allerdings nur innerhalb der "Kernzeit", werktags von 8 Uhr bis 21 Uhr.Außerhalb der Kernzeit und am Wochenende kann ohne Volumenbegrenzung im Internet gesurft werden.

"Die von uns verkaufte Leistung besteht in der Übertragung von Daten.Daher ist es am fairsten, die übertragene Datenmenge zu tarifieren", erläutert Klaus Langner, Geschäftsführer von Ginko.Auch der Provider müsse für die Anbindung an das Internet Leitungskapazitäten von den großen Netzbetreibern wie der Telekom kaufen.Die anfallenden Kosten richten sich dabei nach der Menge der übertragenen Daten."Wenn größere Datenmengen übertragen werden, kostet es mehr.Der Faktor Zeit spielt bei der Abrechnung keine Rolle", erklärt Langner.Ein Provider, der nach der online verbrachten Zeit abrechnet, habe theoretisch sogar ein Interesse daran, die "Bandbreiten knapp zu halten".Bei geringer Geschwindigkeit des Providers benötige der Kunde längere Zeit, um die gewünschten Informationen aus dem Internet zu beziehen.Und das sei ein Vorteil für den Provider, da der Kunde bei zeitabhängigen Tarifen mehr bezahlt, je länger er online ist.



Trotzdem vertrauen nahezu alle Anbieter von Internet-Zugängen für Privatkunden auf eine Abrechnung nach der online verbrachten Zeit, meist in Kombination mit einer Grundgebühr und einer bestimmten Anzahl Freistunden.Der Grund hierfür liegt darin, daß diese Tarifmodelle einfach verständlich und inzwischen bekannt sind.Kaum ein Normal-User dürfte wissen, wieviele Daten bei einer Internet-Sitzung übertragen werden, obwohl im DFÜ-Netzwerk unter Windows95 beim Trennen der Verbindung auch die Menge der empfangenen und gesendeten Daten angegeben wird.

"Es ist schwierig zu schätzen, wie groß die durchschnittlich übertragene Datenmenge innerhalb einer bestimmten Zeit ist", räumt Langner ein.Diese sei davon abhängig, wie aufwendig die besuchten Websites gestaltet sind, ob viele Downloads durchgeführt oder ob überwiegend "byte-sparende" Anwendungen wie das Chatten genutzt werden.Bei Ginko kann der User auf der Homepage des Providers die Menge der innerhalb der Kernzeit übertragenen Daten in einem internen Bereich jederzeit erfragen.



Ginko ist ein bundesweit agierender Provider mit Sitz in Aachen, der erst im Dezember letzten Jahres gegründet wurde.Geschäftsführer Klaus Langner ist in der deutschen Computer-Szene kein Unbekannter.Im Jahr 1980 gründete er das Unternehmen Elsa, ein Hardware-Hersteller, der Modems und Grafikkarten produziert.Nach 15 Jahren stieg Langner bei Elsa aus und wandte sich dem Internet zu."Nach so langer Zeit wollte ich mal etwas anderes machen und vor drei Jahren zeichnete sich der Boom des Internets bereits ab", meint Langner.Ginko verfügt zur Zeit über neun Einwahlknoten, vor allem in Großstädten wie Frankfurt, Hamburg oder München."Von unseren Kunden kann jeder Einwahlknoten genutzt werden, auch in weiten Teilen des Berliner Umlandes ist die Einwahl zum Ortstarif möglich", erläutert Langner.



Ginko präsentiert sich als sehr schneller Dienst.Beim Download der 486 Kilobyte großen Testdatei wurden analog Übertragungsraten in Höhe von maximal 4,6 Kilobit pro Sekunde (Kbps) erreicht.Im Durchschnitt lag die maximale Übertragungsrate bei 3,9 Kbps.Der Download dauerte immer deutlich unter zwei Minuten.Nicht ganz so überzeugend war der ISDN-Anschluß mit einer durchschnittlichen Download-Zeit von knapp einer Minute und dreißig Sekunden.Die Einrichtung des analogen Internet-Zugangs verlief ohne Probleme.Ginko liefert auf einer Seite alle wesentlichen Informationen für die Einrichtung des Internet-Anschlusses unter Windows95.Wer Probleme hat oder ein anderes Betriebssystem besitzt, wendet sich an die Hotline, die ihren Sitz allerdings nicht in Berlin hat, was höhere Telefonkosten verursacht als bei einem lokalen Provider.

Software für das Internet wie Browser oder E-Mail-Programm werden nicht mitgeliefert, da man bei Ginko der Meinung ist, daß die Sofware-Ausstattung unter Windows95 ausreichend sei.Auch auf der einfach gestalteten Homepage von Ginko finden sich nur wenige Möglichkeiten zum Download von Software, eine Überarbeitung der Homepage ist angekündigt.Bei Ginko fallen keine Einrichtungsgebühren an, die Kündigung ist zum Monatsende möglich.



Fazit: Ginko bringt mit der volumenabhängigen Abrechnung eine interessante Neuerung in das Privatkundengeschäft.Ob sich das Modell durchsetzt, wird letztlich der Kunde entscheiden.Nachteilig ist insbesondere die lange Kernzeit von 8 bis 21 Uhr, da auch in der für Telefongespräche günstigen Zeit von 18 bis 21 Uhr für jedes übertragene Megabyte gezahlt werden muß.Wer vor allem nachts und am Wochenende im Internet surft, bekommt für knapp zehn Mark im Monat einen sehr schnellen Zugang zum Netz.Der große Provider-Test erscheint jeweils mittwochs.Bisher gestestet: Trionet (29.Juli), Sireco (5.August).

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