Zeitung Heute : „Viele starke Hände sind schwach geworden“

Börsenpsychologe Kiehling über Aktienkurse und die Hoffnungen der Anleger

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Herr Kiehling, wie erklären Sie sich als Börsenpsychologe die Verkaufsstimmung an den internationalen Börsenplätzen?

Die Anleger haben resigniert. Bei einigen ist sicher auch Panik ausgebrochen. Mit den wirtschaftlichen Rahmendaten ist der Kurssturz jedenfalls nicht mehr zu erklären. Im Gegenteil: Die Stimmung in den Unternehmen bessert sich ja wieder. Trotzdem haben wir eine der längsten BaissePerioden der Börsengeschichte hinter uns.

Warum sind die Anleger in eine solche Depression verfallen?

Wir befinden uns in einem langen Crash auf Raten. Die Stimmung hat sich vor einem Jahr nochmals deutlich verschlechtert, als die Anleger feststellen mussten, dass nicht nur der Neue Markt, sondern auch die soliden, großen Unternehmen an der Börse abstürzten. Auch die Volksaktie der Telekom hat enttäuscht. Hinzu kamen die konjunkturelle Eintrübung und schließlich die Kriegsangst. Das alles hat den Markt abrutschen lassen und das Vertrauen der Anleger beschädigt. Die Euphorie ist in Agonie umgeschlagen.

Überrascht Sie das?

Nein. Das Umschlagen von eruptiver Aktivität in Phasen der Untätigkeit beobachten Ökonomen und Börsenpsychologen schon seit langem. Zuerst glauben die Anleger an die Illusion, alles unter Kontrolle zu haben. Die steigenden Kurse schienen ihnen ja auch Recht zu geben. Und selbst, wenn die Kurse anfangen zu bröckeln, reden sich die Anleger ein: Das wird schon wieder. Erst wenn es richtig bergab gegangen ist, merken sie plötzlich, dass sie die Kontrolle verlieren. Das lähmt sie und macht sie untätig. Sie geraten in eine Art Angststarre.

Gilt das auch für die Profis bei den Investmentfonds und Versicherungen?

Ja, das trifft gerade für professionelle Anleger zu. Für sie stehen ja ihre Jobs in Frage. Es gibt sogar eine physiologische Erklärung: Nach Boomphasen baut sich das Gehirn erst mit einer gewissen Zeitverzögerung um. Das heißt, die Anleger halten zunächst an alten, optimistischen Strategien fest, obwohl sie sich besser umstellen sollten.

Wenn das schon immer so war, warum lernen die Anleger nichts daraus?

Angst ist ein Phänomen, gegen das man wenig tun kann. Auch die Tatsache, dass man in Boomphasen Gewinne stärker wahrnimmt als Verluste in einer Abschwungphase, scheint unumstößlich zu sein. Andere Dinge kann man dagegen abtrainieren.

Zum Beispiel?

Etwa die unsinnige Strategie, an einem so genannten Ankerkurs festzuhalten. Das heißt, darauf zu hoffen, dass man mit seinen Aktien seinen Einstiegskurs wieder erreicht – auch wenn der eigentlich viel zu hoch war. Das passiert den Profis nicht. Die schauen in die Zukunft.

Aber auch die Fonds und Versicherer verkaufen inzwischen Aktien, weil sie ihre Renditeversprechen sonst nicht einhalten können.

Ja. Normalerweise greifen am Ende einer Baisse die so genannten starken Hände der institutionellen Investoren wieder zu. Das ist diesmal anders. Es sind noch viele schwache Hände im Markt. Und viele einst starke Hände sind schwach geworden – zum Beispiel Banken und Versicherungen.

Wie könnte das Selbstvertrauen der Anleger wiederhergestellt werden?

Einzig und allein durch nachhaltig steigende Kurse. Ich fürchte, dass alles andere den Aktienmarkt nicht wieder auf die Beine bringen wird.

Das Gespräch führte

Henrik Mortsiefer.

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