Zeitung Heute : Vielen Dank für die Blumen

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Was für eine Woche! Zwei Premieren besucht, eine Nacht durchgearbeitet, zwölf Stunden Zug gefahren, die Komponistin Chaya Czernowin am Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens getroffen (genauer gesagt im Bistro, wo Frau Czernowin, die gerade aus San Diego/Californien gelandet war, ein Wiener Würstchen verspeiste, weil sie nämlich immer, sobald ihr Fuß deutschen Boden berührt, zuallererst, wie sie sagt, ein Wurstschen haben muss), außerdem die Berliner Opernreform zur Kenntnis genommen (mit Erleichterung), Kent Nagano zu seiner Berufung an die Isar gratuliert (er folgt 2006 Zubin Mehta als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper nach, was beweist, dass das Thema Berlin-München/München-Berlin zumindest in Sachen Musik noch lange nicht erledigt ist!), das Büro aufgeräumt (keine weiteren Anmerkungen), beim Frisör gewesen (dito) und die Katze gestreichelt. Und unverhofft den schönsten Leserbrief des ganzen bisherigen klassischen Lebens erhalten.

Handgeschrieben, oben links in Fotokopie ein Konterfei Franz Schuberts, oben rechts eine Notenzeile aus seinem Lied „Im Frühling“ (nach Ernst Schulze): „Still sitz ich an des Hügels Hang, der Himmel ist so klar“. In ihrer Jugend, so schreibt die Dame, habe sie selbst Gesangsstunden genommen, die Lehrerin sei mit ihr über die Maßen geduldig gewesen. Später habe sie sich der Sache dann leider nicht mehr so hingeben können (ja, „hingeben“!), mit Kind und Mann, die Zeiten seien schlecht gewesen, aber trotzdem „sehr sehr glücklich“. Jahrzehntelang sei sie zu Dietrich Fischer-Dieskaus Liederabenden in die Deutsche Oper gegangen und noch heute besuche sie jede seiner Berliner Meisterklassen: dieser Charme, diese Vitalität! Dankbar sei sie, dass sie das erleben dürfe.

Dankbarkeit ist überhaupt das Wort, das diesen Brief wie ein geheimer Orgelpunkt durchpulst. Es kommt der Autorin leicht über die Lippen, leicht und froh und fest, als hätte sie die Dinge des Lebens für sich geordnet, nach dem Wichtigen und dem Unwichtigen, nach dem, was bleibt, und dem, was geht. Demnach ist Dankbarkeit ein wichtiges Gefühl. Und Franz Schubert ein herzenswichtiger Komponist. Ohne Schubert, schreibt sie (und dieser Satz ist, als wäre er nicht atemberaubend genug, mit Bleistift unterstrichen), „wäre ich nicht mehr am Leben“.

Gegen Hitler und Auschwitz, Bombenterror und Vertreibung, sagen andere, habe auch Schubert nichts ausrichten können. Vielleicht ist das falsch. Vielleicht hat man die Liebe zu ihm nur immer unterschätzt. Sie habe Angst, schreibt meine Brieffreundin am Schluss, Angst vor diesen „idiotischen Zeiten“ und einem neuen Krieg. Aber sie habe eben auch die Musik.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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