Zeitung Heute : „Vieles tat verdammt weh“

Er war der große Hoffnungsträger der Berliner CDU. Dann stürzte Frank Steffel tief. Enttäuscht ist er von den eigenen Leuten – besonders von Eberhard Diegpen. Eine schmerzvolle Bilanz.

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Interview: Christoph Amend und Stephan Lebert

Frank Steffel, 37, geboren in Berlin, studierte Wirtschaftswissenschaften. 1982 trat er in die Junge Union ein, ein Jahr später wurde er Vorsitzender der SchülerUnion Reinickendorf. Weitere Stationen: ’85 Kreis- und Parteitagsdelegierter der CDU, ’87 Vorstand CDU Frohnau, ’90 Wahl ins Berliner Abgeordnetenhaus, dann wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion. 2001 wird Steffel Fraktionsvorsitzender und Spitzenkandidat für die Bürgermeisterwahl. Seine Firma, die er vom Vater geerbt hat, ist im Raumausstattungsgroßhandel tätig.

Herr Steffel, wir treffen Sie im Büro Ihrer Firma in Reinickendorf, weitab von der großen Politik. Dabei sind Sie vor gerade einmal zwei Jahren angetreten, Regierender Bürgermeister von Berlin zu werden.

Ja, das ist richtig. Ich habe in einer für die CDU außerordentlich schwierigen Phase Verantwortung übernommen und hätte meine Vorstellungen von der Entwicklung Berlins gerne in konkrete Politik umgesetzt. Als ich Spitzenkandidat der CDU wurde, war ich gerade einmal 35 Jahre alt – bis dahin ist mein Leben zumeist erfolgreich verlaufen. Insofern glaube ich, dass es Niederlagen gibt, die für den weiteren Lebensweg und die eigene Entwicklung lehrreich sein können.

Sie haben die Wahl 2001 deutlich verloren und sind erst im vergangenen Mai von Ihrer Funktion als Fraktionschef zurückgetreten.

Kurz vor Weihnachten 2002 wurde ich aus den eigenen Reihen heftig angegriffen, auf sehr persönlicher Ebene, das war für mich ein Tiefpunkt politischer Kultur. Da hat sich die Sinnfrage gestellt: Macht dir das alles noch Spaß? Ist es das Richtige für dich, dein Leben in einer Rolle zu verbringen, die ja nicht durch und durch konstruktiv ist? Aber wichtiger für meine Entscheidung war etwas anderes: Da meine innerparteilichen Kritiker zur Zusammenarbeit nicht bereit waren, obwohl sie alle bereits wichtige Funktionen in der Fraktion hatten, konnte ich nur durch meinen Rücktritt sicherstellen, dass die Inhalte der Union als größter Oppositionspartei wieder verstärkt wahrgenommen werden. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, auch in dieser Phase die Interessen der Partei über die eigenen zu stellen.

Der Oppositionsführer spielt eine wichtige Rolle!

Eine sehr wichtige. Ich habe das auch gern gemacht. Aber ich bin ein mittelständischer Unternehmer und ein Gestalter durch und durch. Ich bin ein sehr konstruktiver Mensch. Für mich ist das Glas immer halb voll. Vielleicht habe ich es deshalb nicht immer als angenehm empfunden, dass es für den geborenen Oppositionspolitiker meistens halb leer sein muss.

Sie sind schon länger Politiker.

Ja, und es hat mich immer begeistert, wenn man etwas bewegen kann, egal wie unwichtig es erscheinen mag. Als ich noch in der Kommunalpolitik war, konnte ich mich für ein neues Kassenhäuschen für den Sportverein einsetzen. Als Bezirksverordneter konnte ich die Springbrunnen in Ordnung bringen. Nun hätte ich gerne eine Alternative zu der bestehenden Senatspolitik entwickelt. Gerade bei dieser Haushaltslage müsste alles den Zielen Wirtschaftswachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Wissenschaft und Bildung untergeordnet werden. Derzeit verschärft der Senat die Lage durch seine falsche Politik.

Erzählen Sie von den Tagen vor Ihrem Rücktritt.

Ich bin eigentlich von recht stabiler Konstitution. Aber in den letzten Jahren hatte ich Phasen, da habe ich oft unruhig geschlafen. Man befindet sich plötzlich in Situationen, da kann man sich überhaupt nicht mehr lösen von den Anspannungen des Tages. Ich hatte das Glück, mich selbstbestimmt und völlig frei entscheiden zu können. Man hört ja oft von Politikern, die das Gefühl haben, fast alles zu verlieren und sinnbildlich vom Chauffeur auf die U-Bahn umsteigen…

Wie war das bei Ihnen?

Nach der Erklärung hatte ich noch zehn Tage, ich habe meine Koffer gepackt und mich in meinem Leben das erste Mal so richtig von Menschen verabschiedet. Das ist mir schwer gefallen.

Sind Sie auch mit der U-Bahn…

…nein, ich hatte meine privaten Dinge nie aufgegeben. Ich konnte am nächsten Morgen zurück in meine Unternehmensgruppe. Gestern Politik, heute wieder Unternehmer, diese Unabhängigkeit war mir immer wichtig…

Blenden wir in der Zeit noch ein Stück weiter zurück, in die Zeit des Wahlkampfs 2001. Sie wurden später einmal gefragt, ob Sie sich für Ihre öffentlichen Auftritte schulen lassen…

…ja, ja…

…und Sie antworteten: „Anfangs haben meine Berater gesagt, du musst mehr grinsen, wenn du im Fernsehen bist. Später kamen sie und sagten, du grinst zu viel, du musst ernster schauen!“

Ja, der Wert von sogenannten PR- und Politberatern ist genauso begrenzt wie ihre Ratschläge unterschiedlich. Aber wenn Sie ohne eingespielte Mannschaft und ohne Erfahrung, nur mit Optimismus und Zuversicht im Gepäck in eine Wahlauseinandersetzung gehen, von der ich überzeugt war, dass Wolfgang Schäuble der richtige Kandidat gewesen wäre und…

…Moment mal, Herr Steffel, Sie wollten Schäuble zum Spitzenkandidaten ausrufen? Es hieß damals, Sie hätten sich gegen ihn durchgesetzt.

Solche Legenden entwickeln ja häufig eine wahrheitsstiftende Identität, und irgendwann glauben selbst einige Betroffene, dass es so war. Ich habe Wolfgang Schäuble angesprochen, ob er zur Verfügung steht. Ich bin ein ausgemachter Fan von ihm, hatte ihn oft in meinem Wahlkreis zu Gast. Ich weiß noch, dass ich für den Dienstagabend vor Diepgens Abwahl ein Gespräch mit ihm vereinbart hatte…

…Sie waren zu dem Zeitpunkt Fraktionsvorsitzender…

…und natürlich den Landesvorsitzenden Diepgen darüber informiert und gebeten habe, an dem Gespräch teilzunehmen. Diepgen sagte zu, wollte aber vorher mit Schäuble allein sprechen. Als ich dann in Schäubles Zimmer kam, sagte Diepgen zu mir, alles sei erledigt. Ich dachte, na wunderbar! Daraufhin sagte mir Schäuble, Diepgen und er seien übereingekommen, dass er nicht antrete. Dann habe ich eine Stunde versucht, Schäuble zu überzeugen und ihn am nächsten Tag noch einmal zu Hause angerufen, weil er sich bis Donnerstag mit seiner Frau besprechen wollte. Ich dachte, ich hätte ihn soweit, habe ihm versprochen, dass die CDU hinter ihm stehe. Er sagte zu, und am Donnerstag habe ich bei einem Treffen den Clou des Abends losgelassen: Der Schäuble macht’s! Und plötzlich fragten mich alle, ob ich verrückt sei. Ob ich ernsthaft der Meinung sei, ein 60-jähriger ehemaliger Bundes- und Fraktionsvorsitzender aus Baden-Württemberg könne der Aufbruch-Kandidat in Berlin werden.

Herr Steffel, Sie sagen also, Sie waren der einzige, der für Schäuble kämpfte?

Nein, das sage ich nicht. Nur war ich einer von sehr wenigen. Ich muss fairerweise sagen, die Argumentation gegen Schäuble hat man vertreten können. Er hatte Probleme wegen einer Spende, und die Berliner CDU war gerade wegen einer Spende unter Dauerbeschuss. Nebenbei bemerkt haben andere Akteure eine andere Rolle gespielt, als später behauptet wurde.

Was hängen geblieben ist: Der junge Frank Steffel speist lange mit Alt-Kanzler Helmut Kohl, dann tritt er selbst an – und verhindert den Kohl-Gegner Schäuble.

Ich habe in dieser Zeit natürlich auf Ratschläge von Älteren gehört, auf Helmut Kohl, auch auf Eberhard Diepgen oder auf die Bundesspitze, und Sie können sich vorstellen, wie der Druck auf einen wächst, wenn viele auf einen einreden. Ich bin es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen, und ich habe sie in der Situation übernommen, auch wenn ich wusste, dass unabhängig vom Kandidaten die CDU bei dieser Wahl keine realistische Siegchance hatte.

Ihr schlechter Ruf – alles nur Legendenbildung?

Nein, so einfach würde ich es mir selbst niemals machen, dafür bin ich viel zu selbstkritisch. Aber ein anderes Beispiel. Nach der letzten Bundestagswahl wurde klar, dass der Landesvorsitzende Christoph Stölzl sein „ehrenamtliches Abenteuer“ beenden will. Das Resultat: Steffel hat Stölzl weggeputscht. Jüngstes Beispiel: Irgendjemand kolportiert, Steffel will ins Europäische Parlament. Ungeprüft steht es als unverrückbare Wahrheit in den Zeitungen – ohne überhaupt bei mir nachzufragen. Frei erfunden!

Sie wurden alle paar Tage mit einem neuen Vorwurf konfrontiert. Ihr Krisenmanagement wirkte von außen betrachtet nicht gerade perfekt.

Nicht nur von außen betrachtet. Ich sagte ja bereits, wie schwierig es war, aus dem Kaltstart in wenigen Tagen für drei Monate eine professionelle Mannschaft für diesen harten Wahlkampf zu finden. Mit mir zusammen gab es doch nur wenige Erfahrene, und selbst diese Erfahrung war für diese Art des Wahlkampfes nicht ausreichend. Hier hätte mehr Unterstützung sicherlich helfen können.

Sie hatten das Gefühl, man lässt Sie allein? Wer hätte Sie unterstützen müssen?

Beispielsweise diejenigen, die kurz vorher noch Regierungsverantwortung getragen haben oder als Hoffnungsträger galten. Menschen, die ich übrigens immer loyal unterstützt hatte. Aber wahrscheinlich waren sie damals alle mit ihrer eigenen Situation sehr beschäftigt. Wie auch immer, es war nun mal so.

Was war damals Ihre größte Fehleinschätzung?

Ich habe geglaubt, ich könnte ohne eingespielten Apparat, ohne Vernetzung und als junger, von Spenden- und Bankenskandal unbelasteter Kandidat eine solche Aufgabe bewältigen. Zudem hatte ich nicht geglaubt, dass das „bürgerliche Berlin“ seelenruhig zusieht, wie die SPD erst der CDU die Bankenaffäre in die Schuhe schiebt, dann Diepgen mit der PDS abwählt und anschließend nach Scheinverhandlungen über eine Ampelkoalition eine rot-rote Regierung in der Hauptstadt Deutschlands installiert.

Aber Sie sind in der Berliner CDU groß geworden. Wenn jemand vernetzt sein müsste, dann Sie.

Da haben Sie Recht, nur mit der wichtigen Einschränkung, dass ich zwar in Reinickendorf und an der Basis vernetzt bin – nicht umsonst habe ich auf dem Landesparteitag in geheimer Abstimmung als Spitzenkandidat 97 Prozent erhalten, und wir haben in Reinickendorf einen guten Wahlerfolg erreicht – aber das nützt alles nichts, wenn Sie auf den Empfängen der Berliner Gesellschaft nicht vernetzt sind und viele Multiplikatoren zum ersten Mal treffen, tun Sie sich sehr schwer.

Sie waren im Wahlkampf der Sündenbock, das Etikett vom „Ziehsohn Landowskys“ klebt bis heute an Ihnen.

Ja, auch das ist wahr, das klebte von Anfang an. Darunter habe ich gelitten, obwohl ich ja nun wirklich nichts mit dem Spenden- und Bankenskandal zu tun gehabt habe. Hierbei haben die meisten Medien unkritisch die Kampagne des politischen Gegners übernommen. Wahrscheinlich hätte ich die Revolution ausrufen und Diepgen und Landowsky aus der Stadt jagen sollen. Aber das ist nicht meine Art.

Haben Sie nie Groll gegenüber den Alten gehabt?

Nein, nein. Ich glaube bis heute, dass der Bankenskandal zu einseitig bei der CDU abgeladen wurde. Diepgen und Landowsky haben politische Fehler gemacht, aber was in den letzten Jahren über sie geschrieben wurde, wird ihrer Lebensleistung nicht gerecht. Sie haben, im Gegensatz zu vielen anderen, keine zweifelhaften Fonds gezeichnet oder gar unter sich und Freunden verteilt, da müssten Sie woanders recherchieren.

Was meinen Sie damit?

Die merkwürdige Fonds-Konstruktion in bestimmten Berliner Kreisen, ein Rundum-Sorglos-Paket: Ohne Eigenkapital nehme ich 100 000 Euro auf, kriege dafür mehr Zinsen zurück, als ich Zinsen zahle, habe nach 25 Jahren eine volle Rückgabe-Garantie, zwischendrin keinerlei Risiko und auch noch 85 Prozent Steuervorteil. Das nenne ich zutiefst unmoralisch, ja fast schon kriminell!

Wie verstehen Sie sich heute mit Klaus Landowsky?

Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich wünsche denjenigen, die Landowsky damals zum alleinigen Sündenbock gemacht haben, nicht, dass ihnen in ihrem Leben etwas Ähnliches widerfährt.

Sie meinen Ihre eigene Partei?

Nein, ich rede von Strieder und Wowereit. Unsere eigenen Leute waren bei Landowsky ja wahrscheinlich eher zu lange zu loyal. In der Hochphase der Krise herrschte eine bemerkenswerte Naivität vor. Eines Mittwochs, ich bin gerade beruflich in Nordrhein-Westfalen, erfahre ich, dass der „Spiegel“ mit einer Spendenaffäre aufmachen will. Ich melde mich bei Diepgen und Landowsky – doch dann passiert drei, vier Tage gar nichts, niemand tut irgendetwas. Ich glaube, dass Landowsky in jenen Tagen sein ansonsten exzellenter politischer Instinkt zum Teil verlassen hat.

Welcher Art von Angriffen auf Ihre Person sind Ihnen denn nahe gegangen?

Wer kann Sie persönlich verletzen? Sicher nicht jene, die Sie ohnehin als Gegner betrachten. Es geht um Parteifreunde, die Ihnen in den Rücken fallen, ganz klar und um Menschen, die Ihr Vertrauen schamlos missbrauchen. Wissen Sie, ich war zu naiv, zu unvorsichtig. Ich bin davon ausgegangen, dass man mit Kameradschaftlichkeit und einem gemeinsamen Ziel, gerade in einer schwierigen Zeit, zumindest kollegial miteinander umgeht. Aber wahrscheinlich ist die Zeit der elf Freunde nicht nur auf dem Fußballfeld vorbei. Ich habe viele tolle Erfahrungen gemacht – aber auch ganz andere.

Welche meinen Sie?

Ich glaube, dass der Satz „Politik verdirbt den Charakter nicht, aber sie erprobt ihn“ wahr ist. Was viele Menschen in der Politik verbindet, ist eine relativ große Eitelkeit. Das heißt, ein Interesse daran, sich selbst in der Zeitung zu lesen und das Ganze auch noch zum Wohlgefallen des staunenden Publikums zu tun. Helmut Schmidt hat das hervorragend formuliert: Es wächst eine Generation von Politikern heran, die sich dem Fernsehpublikum verpflichtet fühlt und sich nur noch an Meinungsumfragen orientiert. Ich habe mich immer eher an Urgesteinen wie Wehner oder Strauß, aber auch Brandt und Kohl orientiert.

Sie sehen sich eher als kantigen Typen?

Ja, ich bin immer für ein klares, aber faires offenes Wort. Ich dusche erst kochend heiß und dann eiskalt. Für lauwarm bin ich nicht geeignet.

Sie haben nicht nur eingesteckt, sondern auch heftig ausgeteilt. Von Ihnen stammt der Satz, man müsse Klaus Wowereit nur in die Augen sehen, dann könne man dessen deformierten Charakter schon erkennen.

Das stimmt, dafür habe ich mich entschuldigt. Das gehört sich nicht, ganz klar. In der Sache hatte ich allerdings Recht. Wowereit saß mir gegenüber, so wie Sie jetzt gerade, und er sah mir in die Augen und sagte: „Herr Steffel, ich gebe Ihnen mein Wort, die große Koalition hält.“ Ich habe geantwortet, „Herr Wowereit, dann sorge ich dafür, dass Landowksy und Diepgen das, das und das tun. Aber ich nehme Sie…

… beim Wort, Herr Kollege“. Daraufhin hat er mir die Hand gegeben und hat mein Büro verlassen. Die große Koalition hat jedenfalls nicht gehalten. Ich werde den Tag, als die Koalition brach, nicht vergessen. Die Sitzung fand im Senatsgästehaus statt, Wowereit kam ein halbe Stunde später, war schnodderig, richtig überheblich. Er setzte sich ohne Zettel, ohne Block, ohne irgendetwas. Dabei ging es um einen Milliarden-Haushalt, der saniert werden musste. Seit diesem Moment, bis heute, kann er mir nicht mehr richtig in die Augen blicken.

Klaus Landowsky hat damals, bei allen Problemen, die er mit Klaus Wowereit hatte, dessen politischen…

…Instinkt gelobt, er sei „kalt wie Hundeschnauze“.

Ja, die hat er in der Tat. Er ist ein guter Technokrat der Macht.

Braucht man den Instinkt vielleicht, um in der ersten Reihe der Politik zu bleiben? Ist Politik ein schmutziges Geschäft?

Wenn wir von der ersten Reihe der Parteien reden, dann ist der menschliche Umgang stärker von persönlichen Interessen geprägt als irgendwo sonst. Schließlich müssen sich alle Beteiligten permanent zur Wahl stellen und zumeist gegenseitig wählen, das führt zu allerlei Abhängigkeiten sowie Verpflichtungen und unterscheidet Parteien übrigens nachhaltig von Unternehmen. Zum Thema Schmutz: Natürlich wird auf dieser Ebene immer wieder versucht, vermeintlich schädliche Botschaften über den Gegner zu streuen, die einen Skandal auslösen sollen.

Wem gegenüber verspüren Sie aus Ihrer eigenen Partei Groll, wenn Sie an Ihren Wahlkampf zurückdenken? Gegenüber Ihrer Bundesvorsitzenden?

Nein, ich will es so formulieren: Ich verstehe, dass der Bundeskanzler seine Auftritte im bayerischen Wahlkampf sehr reduziert hat, um Schaden von sich abzuwenden. Ich akzeptiere diese Spielregeln.

Aber?

Na ja, man wünscht sich natürlich, dass all die Menschen, die einen vorher motiviert haben, eine Aufgabe zu übernehmen, einen auch danach unterstützen. Das war zu idealistisch, zu unbekümmert gedacht. Denn so ist die Welt nicht.

Wie geht man mit einer solchen Erfahrung um?

Ich habe in den letzten zwei Jahren so oft wie nie zuvor Momente erlebt, in denen mich das Verhalten von Menschen traurig gestimmt hat. Vieles tat verdammt weh, aber im Nachhinein nennt man das dann wohl Lebenserfahrung.

Ihre persönlichen Umfragewerte waren von Anfang ein Problem für Ihren Wahlkampf.

Ich verfolge diese Umfragen-Hörigkeit mit großer Skepsis. Wenn wir nur noch nach Sympathiewerten gehen, laufen wir Gefahr, nur noch glattgeschliffene Polit-Clowns, die in jede Kamera grinsen oder sich in Big-Brother-Container setzen, wählen zu können. Typen mit Ecken und Kanten, an denen man sich reiben kann und muss, haben in einem solchen System fast keine Chance mehr. Das wäre das Aufgeben von Politik als Gestaltungsinstrument hin zum Polit-Infotainment und zur Politik-Show. Im übrigen ist vielleicht die bloße Beliebtheit bei den Anhängern anderer Parteien nicht immer der beste Ratgeber. Aber natürlich können Umfragen in der Sache hilfreich sein.

Also sind Umfragen doch wichtig?

Die schweigende Mehrheit orientiert sich an der vermeintlichen Mehrheit. NoelleNeumann sprach nicht umsonst von der Schweigespirale. Insofern haben Umfragen in gewisser Hinsicht eine self-fulfilling prophecy. Ich will nur sagen: Schauen wir gebannt auf jede Umfrage, werden unsere Politiker wie Unternehmensberater, die können Sie vielfach alle in den gleichen grauen Anzug stecken, die sind alle gleich. Politiker müssen den Anspruch haben, Meinung zu machen und nicht Meinungen abzufragen, um dann dem Volk zum Maule zu reden. Ich habe es erlebt: Das Bild, das in der Medienwelt erzeugt wird, hat manchmal mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Aber die Klischees und vereinfachten Bilder bleiben lange haften. Ich kann mir heute gut vorstellen, wie Bundeskanzler Schröder sich zurzeit fühlt.

Sie finden, dass der Kanzler ungerecht behandelt wird?

Er hat Fehler und im Wahlkampf Versprechungen gemacht, die er erkennbar nicht einhalten konnte. Aber ich finde auch, dass vieles in der persönlichen Kritik an ihm über das Ziel hinaus schießt. In einem Land, in dem man zu einem Kanzler-Song einen Videoclip dreht, in dem eine Schröder-Puppe zu sehen ist, die aus einem Klo auftaucht, das Toupet abnimmt und dann runter gespült wird, in diesem Land machen wir mit der Bewertung von Menschen in der Politik etwas nicht richtig. Wir sollten aus den Fällen Möllemann oder Friedman gelernt haben.

Wie haben Sie eigentlich die Friedman-Affäre wahrgenommen? Sie waren ja damals Gast in seiner Sendung – er hat Sie heftig attackiert.

Obwohl ich mir gewünscht hätte, dass Michel Friedman mich zu meinen politischen Konzepten für Berlin befragt und nicht 40 von 45 Minuten über einen völlig blödsinnigen Rassismusvorwurf, habe ich die Sendung nicht so schlimm empfunden. Zu seiner Affäre: Michel Friedman hat einen Fehler gemacht, er hat dafür die Verantwortung übernommen und seine Strafe akzeptiert und bezahlt. Er hat an andere immer eine moralisch sehr hohe Latte gelegt, das macht es ihm besonders schwer, obwohl der Rest eigentlich seine Privatangelegenheit ist. Er sollte sein öffentliches Leben nicht beenden, weil er einen Fehler gemacht hat. Ich glaube, der schwierigste Teil steht ihm allerdings noch bevor, denn der Volksmund ist vielfach grausam.

Der Tenor nach der Sendung war: Friedman hat Sie festgelegt auf den Rassismus-Vorwurf. Sie sahen nicht besonders gut aus.

Aber so schlimm, wie der Tagesspiegel damals geurteilt hat, fand ich es nicht. Ich gebe aber zu, dass ich Hemmungen hatte, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde gegenüber hart und deutlich zu antworten, wenn er einem unterstellt, man sei ein Rassist. Und dann habe ich an diesem Tag wirklich einen Fehler gemacht…

Sie meinen, Sie hätten nicht zu Friedman gehen sollen?

Nein, ich rede von der Gestaltung meiner Termine am Tag der Sendung. Ich hatte morgens um fünf Uhr eine Flugblatt-Aktion vor der Bundesdruckerei, so begann der Tag. Dann bin ich nach 16 Stunden Wahlkampf um 21 Uhr mit dem letzten Flieger nach Frankfurt und ohne weiteren Aufenthalt direkt in die Sendung. Heute wüsste ich: Stopp, hier wird erst mal zwei Stunden abgeschaltet, damit du ausgeruht bist.

Und Sie kämpften sich irgendwie durch Ihren Wahlkampf. Wie haben Sie die Dauerangriffe ertragen?

Ich neige zu der Einstellung: Jetzt erst recht. Noch zehn Tage vor der Wahl habe ich mir nächtelang den Kopf malträtiert und mir gesagt, es muss, in Gottes Namen, eine Möglichkeit geben, diese Niederlage zu verhindern. Ich kann doch nicht sehenden Auges am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag sagen, na, dann akzeptiere ich, dass am Sonntag ab 18 Uhr die Massen der Stadt über die CDU herfallen. Aber wir hatten keine Chance.

Warum nicht?

Wenn ich in eine Talkshow ging, wusste ich: Zuerst kriegst du die Frage zum Spendenskandal, dann die Frage zum Bankenskandal, als drittes, ob ich Ziehsohn von Landowsky sei. Damit war meine Redezeit erschöpft. Es sei denn, man wollte noch wissen, ob es nicht vermessen gewesen sei, mich als Kennedy von der Spree zu präsentieren.

Das war eine Erfindung Ihres Beraterteams: Steffel, der Spree-Kennedy.

Kennen Sie den? Ich habe ihn nie kennen gelernt.

Aber der Begriff kam aus Ihrem Team.

Er kam von einem Mitarbeiter der Werbeagentur der CDU, der ein Interview gegeben und davon geredet hat. Ich habe es gelesen und muss gestehen, ich habe mir im ersten Moment darüber keine großen Gedanken gemacht und konnte es ohnehin nicht mehr verhindern. Aber natürlich auch das: ein schwerer Schaden, völlig neben der Spur.

Was hat Ihr Anrennen gegen das öffentliche Steffel-Bild bei Ihnen ausgelöst? Eine Identitätskrise?

Ich habe angefangen, mich selbst noch kritischer zu prüfen. Ich habe Erfahrungen gemacht, die andere mit 80 nicht haben. Ich wollte immer unabhängig und mir selbst treu bleiben. Richtig ist aber auch, dass mir das in der Politik nicht immer gelungen ist. Ich bin einfach nicht bereit, jemandem, der der Partei ein paar tausend Euro spendet, jeden Wunsch zu erfüllen. Das wäre auch den zahlreichen selbstlosen Spendern aller Parteien gegenüber ungerecht.

Sie beschreiben den politischen Alltag. Haben Sie sich da überschätzt?

Vor zwei Jahren mit Sicherheit. Die Zeit war zu kurz und die Union nach Diepgens Abwahl am Ende. Ich war mir nicht darüber klar, dass du in Berlin Zugang zu den wichtigen Entscheidungszirkeln haben musst, um erfolgreich durchzukommen.

Was würden Sie heute anders machen?

Ich würde Wolfgang Schäuble als Kandidaten durchsetzen. Und ich wäre am Wahlabend zurückgetreten. Das war ein großer Fehler, ich bin da nicht meinem Instinkt gefolgt, sondern habe auf die gehört, die mir sagten: Du musst durchhalten, wir bauen jetzt gemeinsam die neue, junge Berliner CDU auf. Dabei war der Wahlabend einer der schmerzhaftesten Tage in meinem Leben.

Die Niederlage…

…ja, natürlich, die auch. Aber wissen Sie, was mir wirklich weh tat? Am Nachmittag, als der Ergebnis-Trend durchsickerte, habe ich mich mit dem Landesvorsitzenden Diepgen getroffen, um zu besprechen, was wir am Abend machen würden. Und was sagt Diepgen zu mir? „So, das ist ja Ihr Wahlergebnis.“ Während ich durch die Fernsehstudios musste und die Verantwortung für das Wahlergebnis übernahm, ging er auf eine Wahlparty und tauchte nicht mehr auf. Als meine Frau und ich dann um halb zwei nach Hause kamen, haben wir den bittersten Moment erlebt. Unser Haus war mit roten Farbbeuteln und Flaschen beworfen worden, einige Scheiben waren kaputt. Meine Frau fing an, bitterlich zu weinen.

Denkt man für einen Moment, man steht vor den Scherben seines Lebens?

Sie stehen vor dem Leid Ihres geliebten Partners und fragen sich, was Sie ihrer Familie angetan haben, und ob es das wert ist.

Sind Sie für die erste Reihe in der Politik geeignet?

Ich vermute, dass mir Politiker wie Helmut Kohl oder Klaus Landowsky heute Ratschläge geben würden, die sehr macchiavellistisch sind: Wenn du eine Stimme Mehrheit hast, hast du die Macht. Die hatte ich bis zum letzten Tag, aber ich vermute, dass dieser Macchiavelli-Ansatz beide auch um ein Stück Würdigung ihrer Leistung gebracht hat. Wäre Kohl schon 1997 freiwillig gegangen, würde man ihn noch immer nur als den Kanzler der Einheit feiern.

Herr Steffel, vor zwei Jahren hat „Focus“ Sie nach Ihren Wünschen für die Zukunft gefragt. Sie sagten: „Ich hoffe, daß Sebastian Deisler 2006 noch bei Hertha ist, Deutschland Weltmeister wird, und ich Regierender Bürgermeister bin“.

Heute hoffe ich, dass Sebastian Deisler schnell wieder gesund wird, Hertha nicht absteigt, Deutschland dieses Jahr Europameister sowie Wolfgang Schäuble Bundespräsident wird und Berlin und Deutschland spätestens 2006 eine neue Regierung haben. Daran erkennen wir, wie schnelllebig die Zeit ist.

Was wird dann aus Ihnen?

Ach, ich habe gerade heute morgen einen schönen Satz gelesen, der als Antwort auf Ihre Frage passt: Ein Schiff liegt am sichersten im Hafen, aber dafür wird es nicht gebaut.

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