Zeitung Heute : Vielfalt, trotz alledem

REGINA MÖNCH

Mittelmaß, Geldnot, Jugendgewalt, Unterrichtsausfall, fehlende Lehrer, arbeitslose Lehrer, lecke Schuldächer, marode Schulhäuser - die Negativliste ließe sich fortsetzen.Sie dominiert meist die Berichterstattung, wenn es um Bildung und Schule geht.Der Tagesspiegel hat es einmal andersherum versucht: Er präsentierte in den vergangenen Monaten Schule als Erfolgsschlager, als Ort, an dem Kinder vergnügt bis begeistert lernen.Er zeigte Schulen mit treusorgenden Eltern- und Ehemaligenvereinen, die mit diskreten Spenden immer wieder die ärgsten Lücken schließen, die eine rigide Sparpolitik aufgerissen hat.

48 Serienteile wurden veröffentlicht.Ginge es nach dem Angebot und dem Willen Hunderter Leser, Schulleiter und Elternvertreter, müßten noch einige hundert Fortsetzungen folgen.Nicht jeder, der der Redaktion verständlicherweise "seine" Schule ans Herz legen wollte, hatte ein Einsehen, daß Serien nicht vollständig sein können.Die Schulen, die wir seit Herbst in dieser Zeitung vorstellten, zeigten vor allem eines: Das Berliner Schulsystem ist besser als sein Ruf und lebensnaher als aktuelle Bildungspolitik.Kaum eine Stadt kann diese Vielfalt, so unterschiedliche Lernkonzepte und Schulprogramme für unterschiedlichste Begabungen, Vorlieben und Interessen anbieten.Doch gleichzeitig ist auch klar: Obwohl Schule kein Wirtschaftsunternehmen ist, das sich am Markt zu orientieren hat, machen sich Schulen durchaus untereinander Konkurrenz.Dabei geht es nur selten um Geld und Ausstattung - sieht man von Ausnahmen ab.Zweisprachig oder weltweit vernetzt lernen, auf allerhöchstem Niveau musizieren - das findet in dieser Stadt oft in Schulen statt, deren Fassaden in Jahrzehnten vergammelten.Trotzdem stehen dort Eltern Schlange, wenn die häufig zu knappen Plätze verteilt oder verlost werden.Begehrt sind Schulen, die Leistung hoch schätzen, deren Lehrer ihren Beruf mit Lust und Liebe ausüben und die den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren, auch wenn es nicht von oben angeordnet worden oder der ideologischen Doktrin dieser oder jener Partei verpflichtet ist.

Die im sommerlichen Schulkampf zum unversöhnlichen Gegensatz hochstilisierten Begriffe "Begabtenförderung" und "soziales Lernen", ausgetragen auf dem Rücken vieler Eltern und Kinder, die man in der falschen Hoffnung wiegte, auf allerhöchster Senatsebene werde etwas entschieden, die spielen in der Realität begehrter Schulen eine ganz andere Rolle: Sie ergänzen sich, wenn Lehrer und Schüler dies wollen, egal ob eine fünfte Klasse in der Grundschule oder am Gymnasium absolviert worden ist.Das sind zwar im Grunde genommen auch nur Binsenweisheiten.Doch wenn der Streit um mehr oder weniger fünfte Klassen an Oberschulen demnächst in die nächste Runde gehen sollte, sollte man sich daran erinnern.

In den nächsten Monaten entscheidet sich mit der Diskussion über den Entwurf zum neuen Schulgesetz, wieviel Zukunft an Schulen hier zugelassen wird.Wird man die Schulleiter stark machen, oder hält man das Gängelband weiterhin kurz und läßt ihnen offiziell weniger Entscheidungsfreiheit als dem Vorarbeiter einer Schraubenfabrik, wie es der Bundespräsident einmal erstaunt festgestellt hat? Wird man den Elternwillen nur dort einschränken, wo es der Koalitionsfrieden erzwingt? Oder auch dann, wenn sich dadurch das individuelle Bildungskonzept einer Schule besser entfalten könnte? Denn nicht jedes Kind ist für jede Schule geeignet.

Bisher hat sich die Berliner Politik um die dringend notwendige Schulreform wenig gekümmert.Ändert sich das nicht, werden die Eltern, die ja Wählerinnen und Wähler sind, der Koalition dafür 1999 die Quittung verpassen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben