Zeitung Heute : „Vielleicht wäre es für meine Familie besser, ich wäre tot“

28.04.2006 00:00 UhrVon Daniela Martens

17 Jahre in Deutschland, die Kinder hier geboren. Jetzt wird die Familie Aydin auseinander gerissen. Die Stunden nach dem Schwinden der letzten Hoffnung

Mehmed Aydin starrt mit hängendem Kopf auf den Brief. Gerade hat ihm ein Briefträger den Umschlag persönlich ausgehändigt. Die Ausländerbehörde fordert ihn in dem Schreiben auf, sofort einen Pass zu beantragen, damit er die Grenze überqueren kann – der erste Schritt für die Abschiebung in die Türkei. „So schnell sind die bei so was“, sagt der stämmige 21-Jährige, der eine Baseballkappe schief auf dem Kopf trägt.

Es ist Mittwochvormittag, ein Tag nachdem der Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses sich für eine Abschiebung der Familie Aydin ausgesprochen hat. Im Wohnzimmer der Aydins in Friedrichshain ist die Verzweiflung spürbar.

Seit 17 Jahren lebt die Familie in Deutschland. So lange haben sich mehrere komplizierte Asylverfahren hingezogen, bis das Verwaltungsgericht das letzte Gesuch vor kurzem ablehnte. Für die Eltern war das fast ihr halbes Leben, für viele der Kinder das ganze.

Der Petitionsausschuss gilt als letztes Mittel, eine Abschiebung aufzuhalten, wenn wie bei den Aydins alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind. Eine Bürgerinitiative aus Eltern, Lehrern und Sozialpädagogen hatte mehr als tausend Unterschriften für die Petition gesammelt. Die Unterstützer loben die Aydins in den höchsten Tönen: Sie seien eine gut integrierte Familie, für die sich der Einsatz besonders lohnt. „Die Aydins sind viel engagierter als die meisten Eltern“, sagt etwa eine Lehrerin an der Eberhard-Klein-Schule.

Der Petitionsausschuss hätte Innensenator Ehrhart Körting empfehlen können, der Familie eine Aufenthaltsgenehmigung zu geben. Ob das geholfen hätte, ist allerdings fraglich: Der positiven Empfehlung der Härtefallkommission, die sich aus humanitären Gründen für die Aydins einsetzt, war der Innensenator nicht gefolgt. Und die letzte Entscheidung liegt bei ihm.

Wenn er nicht in letzter Minute noch seine Meinung ändert, werden die Aydins in sechs Wochen getrennt. Dann läuft ihre Duldung aus: Die Eltern sollen mit Mehmed, der siebenjährigen Gülbahar, der 13-jährigen Ayse und dem 14-jährigen Ahmed ausreisen. Vier ältere Kinder haben eine Aufenthaltsgenehmigung. Drei Mädchen dürfen bei Gastfamilien in Berlin bleiben, um ihre Ausbildung zu beenden. Auch die zierliche 17-jährige Hayriye, die vor kurzem vom Bundespräsidenten für ihr Engagement gegen Antisemitismus ins Schloss Bellevue eingeladen worden war. Dort konnte sie mit ihm über die drohende Abschiebung sprechen.

Jetzt sitzt sie mit ihrem Bruder Mehmed und den Eltern Feyaz und Cemile auf der großen Couch. Sie tröstet gerade ihre Mutter. Ihr Vater hat seine Gelassenheit und sein Lächeln verloren, beides lässt ihn sonst jungenhaft wirken. Stattdessen redet er lauter als gewöhnlich. „Vielleicht wäre es für meine Familie besser, ich wäre tot“, sagt er immer wieder.

Der Petitionsausschuss hat ihm vorgeworfen, er habe sich für die kurdische extremistische Partei PKK engagiert. Dabei hatte das Verwaltungsgericht seinen Antrag auf Asyl mit der Begründung abgelehnt, er könne nicht beweisen, politisch für die kurdische Bewegung aktiv gewesen zu sein. „Ich fühle mich, als ob alle an mir zerren“, sagt Feyaz Aydin. „Die deutschen Behörden und Politiker auf der einen Seite, die Kurden auf der anderen und der türkische Staatsschutz von hinten.“ Er gestikuliert wild, so als hätte ihn schon jemand gepackt. „Es ist egal, was ich sage, es wirkt sich doch zu meinem Nachteil aus.“

Vor allem aber haben sie jetzt noch mehr Angst vor einer Abschiebung in die Türkei – denn der Ausschuss machte vertrauliche Informationen öffentlich: etwa die Teilnahme von Feyaz Aydin an einer kurdischen Demonstration nach der Festnahme von Abdullah Öcalan. „Ich habe solche Angst, dass man in der Türkei meinen Kindern etwas antut“, sagt Cemile Aydin. In der kurdischen Bergregion, in die sie zurückkehren, verschlechtert sich die Situation gerade: Nach einer Demonstration wurden dort sogar Kinder verhaftet. Auch Feyaz Aydin fürchtet sich davor, im Gefängnis zu landen. „Was wird nur aus meiner Familie, wenn ich bei der Einreise sofort verhaftet werde?“, fragt er.

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