Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Geld zurückfordern und wieder über richtig wichtige Dinge streiten

Erdbeben auf Haiti: Wie kann dem Land auch langfristig geholfen werden?



Nicht, wie es Amerika mit 100 Mio. Dollar und der Rest der Welt derzeit tun, obwohl es dazu keine Alternative gibt. Hunger heischt Hilfe, und zwar sofort. Aber das verlängert die Abhängigkeit, die Haiti seit Jahrzehnten davon abhält, sich selber zu helfen – mit einem halbwegs funktionierenden Wirtschafts- und Regierungssystem. Das wäre die beste Verteidigung gegen Attacken der Natur. Aber wie soll die Welt die heimischen Ursachen dieser Tragödie beseitigen? Die UN mit ihren Tausenden von Soldaten haben es nicht geschafft, Washington mit seinen humanitären Interventionen auch nicht. Haiti gehört unter internationale Kuratel, die in den nächsten Jahrzehnten für Sicherheit und Aufbau sorgt. Aber das wäre „Neo-Kolonialismus“.

Barack Obama bittet die US-Banken zur Kasse. Ein Vorbild auch für uns?

Unsere Banken haben in der Krise mit dem Staatsgeld nicht so viel verdient wie Goldman, Morgan Stanley usw.; was ist denn bei der Commerz und bei den deutschen Landesbanken zurückzuholen? „WmdW“ findet, dass Obama recht hat, wenn er sagt: „We want our money back.“ Was größtenteils schon geschehen ist. Jedenfalls sollten die Banker nicht zu laut aufschluchzen. Wir reden hier von knapp einer Milliarde Dollar pro Jahr von 50 Instituten – also im Durchschnitt 20 Mio. über die nächsten zehn Jahre. Goldman Sachs hat 2009 17 (!) Milliarden an Boni ausgezahlt – ein hübsches Konjunkturprogramm für die ganz wenigen.

Israel und die Türkei streiten sich: normales, orientalisches Machotum oder steckt mehr dahinter?

So richtig orientalisch ist Israel mit seinem EU-mäßigen Pro-Kopf-Einkommen und US-ähnlichen Hightech-Sektor nicht. Die Demütigung des Türkei-Botschafters durch den Außenminister war einfach nur Sandkiste, was Netanjahu, der sich entschuldigt hat, sofort kapiert hatte. Richtig aber ist, dass die Türkei eine Wende zur Achse des Blöden (Syrien, Iran) vollzieht, die nicht im Interesse des Landes ist. Türkei, Israel, Iran waren klassische Alliierte gegen den Machtanspruch Moskaus und arabischer Potentaten. Fazit: Zu viel Gott in der Politik verdreht den Kopf: erst in Teheran, jetzt in Ankara.

Ein Wort zu Deutschland …

Angela Merkel, Meisterin im Abwarten, scheint schon wieder eine Partie gewonnen zu haben, deutet doch die FDP an, dass sie vorläufig auf die Steuersenkung verzichten wolle. Die bayerischen CSU- Quälgeister werden jetzt ebenfalls einlenken. Denn bei nur 1,5 Prozent Wachstum müssten weniger Steuern mit mehr Schulden finanziert werden, und die sind nicht wachstumsfördernd. Wir dürfen uns jetzt wieder über richtig wichtige Dinge streiten, z. B. die Besetzung des Beirats der Vertriebenenstiftung.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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