Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

27 Flöhe disziplinieren, ein 2. Afghanistan vermeiden und die Rente auf 62 anheben

Die EU einigt sich auf Bankenabgabe, Finanztransaktionssteuer und neue Wachstumsstrategie. Schweißt die Krise die Europäer plötzlich zusammen?

Die EU hat in den vergangenen Wochen eine viel zu schlechte Presse bekommen, genauso wie die deutsche Politik, die angeblich nur „Verdruss“ produziere. (Dieser abgenutzte Begriff macht „WmdW“ Verdruss.) Die EU hat ein Rettungspaket im Wert von einer Billion Dollar geschnürt. Die EU zwingt neuerdings die Banken, im „Stresstest“ ihre Risiken offenzulegen. Sie hat die Sanktionen gegen den Iran verschärft. Schließlich will sie weltweit eine Transaktionssteuer auflegen. Damit wird sie nicht durchkommen, aber immerhin hat sie auch hier Gemeinsames geschmiedet. Gar nicht so schlecht für einen Sack mit 27 Flöhen.

Ausgerechnet die Schweden wollen neue Atomkraftwerke bauen. Wird das Beispiel Schule machen?

Hat es schon mal, als die gezähmten Erben von Gustav Adolf, der im 30-jährigen Krieg das halbe Europa verwüstete, in den 70ern den Ausstieg verkündeten. Die Schweden sind ein komisches Völkchen. Erst fahren sie in den 80ern ihren verschwenderischen Sozialstaat in den Graben, dann betreiben sie modellhafte Reform- und Sparpolitik. Heute liegen sie im Ranking der Wettbewerbsfähigkeit in der Spitzengruppe. Vielleicht wissen sie atomkraftmäßig, was die Deutschen nicht wissen. (Öl wird in den nächsten zehn Jahren unbezahlbar.) Kluge dynastische Politik machen sie auch: Ihr König Carl hat einst die Deutsche Silvia Sommerlath geheiratet.

Hunderttausende fliehen aus Kirgistan. Wer kann die Katastrophe beenden?

Niemand. Schuld hat Stalin, der in diesem Fall Kirgisen und Usbeken in einem Kunststaat eingesperrt hat. Der Westen will sich nicht ein zweites Afghanistan aufhalsen. Und Russland, das sonst sehr gern interveniert und sich Gründe dafür schafft, will auch kein zweites Afghanistan, nachdem es 1979 ff. so kläglich gescheitert ist. Die Welt kann nur tun, was sie tun kann: Humanitäre Hilfe leisten, reichlich und schnell.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die kriegt Schläge von ringsum wegen der deutschen Exportüberschüsse (die logischerweise die Defizite der anderen sind). „WmdW“ muss D in Schutz nehmen: D hat in den 90ern seine Hausarbeiten gemacht, so seine Lohnstückkosten gesenkt und die Konkurrenzfähigkeit erhöht. Die anderen Großen – F, I, E – haben geschludert und so mit steigenden Lohnstückkosten Marktvorteile verspielt. Die Last der Reform liegt bei denen, auch wenn sie mosern. Denn: Was ökonomisch falsch ist, kann politisch nicht richtig sein. Das ist kein Wilhelminismus, sondern die Wahrheit. Immerhin hat Nicolas Sarkozy einen Teil der Wahrheit erkannt, will er doch das Rentenalter in Frankreich auf 62 anheben. Chapeau!

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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