Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Pop-Psychologie betreiben und Populismus nur im Buchladen dulden

Nach dem Attentat in Tucson, Arizona: Ist Amerika verrückt oder radikal?

Oder eine Projektionsfläche für die Europäer, auf der sie sich als vernünftiger, oder grundsätzlich kulturell überlegen fühlen dürfen? Warum sind zwei dutzend gemordete Christen in Ägypten kein Anlass, über den Wahnsinn der Araber/Muslime zu räsonieren? Weil Amerika ein endloses Faszinosum ist, im Guten wie im Schlechten, und das seit Geburt der Republik. Denken wir dann an den deutschen Wahn, der den Volksgenossen in der Weltwirtschaftskrise Hitler verschaffte, derweil drüben Roosevelt an die Macht kam. Dann lassen wir die Pop-Psychiatrie und besorgen uns ein Billigticket für die Shopping-Orgie in New York, incl. eines Abstechers nach Columbia, einer Traum- Uni ehrgeiziger deutscher Eltern.

Die Tunesier vertreiben ihren Diktator. Warum passiert das in den anderen arabischen Länder nicht?

Wahrscheinlich, weil sich dort die klassische revolutionäre Schere auftut. Je besser die ökonomische Lage, desto stärker der Drang nach Teilhabe. Tunesien hat im Vergleich zu Ägypten, Syrien etc. ein doppelt so hohes Pro-Kopf-Einkommen, ist auch viel stärker im Weltmarkt integriert als etwa Marokko. Dessen Exportquote liegt (2009) bei 15 Prozent vom BIP, Tunesiens bei 30. T. ist auch besser gebildet. 74 Prozent können lesen und schreiben, in M. ist es nur die Hälfte. Kurz: Je entwickelter ein Volk, desto weniger schätzt es die Entmündigung. China wird das noch merken: Das Pro-Kopf-Einkommen ist ein Drittel des tunesischen.

Marine Le Pen beerbt ihren Vater als Führerin der „Front National“. Wie stark sind Europas Rechte?

Stärker als in Deutschland, nicht so stark wie etwa in Holland. Der FN kriegte 2007 im ersten Wahlgang 4,5 Prozent der Stimmen, aber null Sitze im zweiten. In Holland kassierte Geert Wilders’ Freiheitspartei 15 Prozent und 24 Sitze. Ähnlich in Schweden. Dort wie in Österreich, Ungarn und Dänemark sitzt die Rechte im Parlament, in Deutschland nicht. Wir kennen den Grund. Die Deutschen tanzten 1933 den Hitler und landeten zwölf Jahre später im Abgrund, politisch wie moralisch. Deshalb stimmen die deutschen Populisten (rechts und links) im Buchladen ab – mit 1,4 Millionen Kassenbons fürs Sarrazin-Buch. Wenn es aber an die Urne geht, bleiben NPD und REPs bei ein Prozent.

Ein Wort zum Außenminister …

Guido W. muss gelassener werden. „WmdW“ hat ihm bei einem jener unzähligen Events in Berlin gelauscht, wo ihn ein Medien-Mensch ebenso ungebeten wie hartnäckig schlechte Zensuren und Besserungsanweisungen gab. Merkel hätte den Mann nach zehn Sekunden mit kalten Lächeln abserviert, W. rechtfertigte sich mit wachsender Vehemenz. Also noch ein ungebetener Ratschlag: Chefs müssen cool bleiben.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar