Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Rechnungen begleichen, die EZB verteidigen, Westerwelle bemitleiden

Gaddafi ist am Ende. Wurden die Kritiker der Nato-Intervention widerlegt?

Die bittere Lehre aus Bagdad und Kabul ist mächtiger und nachhaltiger als die von Tripolis. Die Nato hat Glück gehabt: ein ideales Terrain für den Luftkrieg (der funktioniert in den Bergen Afghanistans nicht); eine Rebellentruppe, die ihre anfängliche Inkompetenz überwand und damit eine Bodenintervention unnötig machte; einen begrenzt zurechnungsfähigen Gaddafi (das sind die Taliban nicht); eine libysche Weltkrieg- II-Armee, die vorzügliche Ziele für Nato-Bomben hergab (das tun Freischärler nicht). Im Übrigen ging es noch schneller gegen Saddam 2003. Die langfristigen Probleme einer solchen Intervention kommen immer erst nach „mission accomplished!“ (G. W. Bush).

Helmut Kohl rügt Merkels Sonderwege. Hat der Alt-Kanzler recht?

Vorweg muss man Kohls Angriff auf Merkel als Payback für deren Artikel in der „FAZ“ Ende 1999 verstehen, der ihn zum Abschuss freigab und 2000 zum Rücktritt als Ehrenvorsitzender der CDU zwang. Aber Ex-Kanzler Schmidt redet genauso, und der hat keine offene Rechnung mit Merkel. Grundsätzlich: In dieser Weltwirtschaftskrise funktioniert der Merkelismus nicht – Strömungen tagtäglich messen, dann den Kurs für die nächsten 24 Stunden festlegen. Andererseits kreuzen hier alle ohne Karte und Kompass. „WmdW“ bildet sich ein, ein wenig von Wirtschaft zu verstehen; er wüsste allerdings auch keinen geraden Kurs durch die Doppelkrise. Nörgeln ist der einfachste Weg.

Christian Wulff rügt die EZB. Hat der Neu-Bundespräsident recht?

Formal ja, weil die EZB seit Mai 2010 ihr Mandat übertritt – zum Beispiel mit Aufkauf von vergifteten Staatsschulden, um so Dämme gegen das Desaster aufzuhäufen. Real nein. Denn die EZB ist seit Monaten die einzige Agentur in Europa, die halbwegs entschlossen handelt – viel dezidierter als all die EU-Gipfel, die sich immer häufiger treffen, um mit müden Kompromissen zu enden. Ergo muss man Trichet für seine Regelbrüche danken; er und sein EZB-Rat sind derzeit die eigentliche Regierung Europas. Vielleicht kriegt Trichet nach seinem Abtritt ein Denkmal auf dem Frankfurter Börsenplatz.

Ein Wort zum Außenminister ...

Ach, Guido W. Als er (Merkel hinter ihm) das deutsche „Ohne mich“ zu Libyen verkündete, war er im Einklang mit der Mehrheit der Bevölkerung, die bekanntlich den Krieg so liebt wie eine Katze das Schwimmen. Er findet bloß nie den richtigen Ton, den Genscher mit nachtwandlerischer Sicherheit angeschlagen hätte. Nachdem nun aber auch jeder auf ihm herumhackt, schlägt „WmdW“ vor, das Artenschutzabkommen auf Westerwelle auszuweiten. Es macht einfach keinen Spaß, auf einem herumzutrampeln, der am Boden liegt.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

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