Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Berichte eines Megalomanen veröffentlichen und va banque spielen

Wikileaks veröffentlicht Klarnamen und gefährdet so Menschenleben. Kann man der Organisation das Handwerk legen?

Unter der Hand, ja – indem man ihre Computer knackt und deren Festplatten so durcheinanderbringt, dass jeder Dissident oder Agent nur noch „Julian Assange“ heißt. Das wäre die ausgleichende Gerechtigkeit. Juristisch wird’s schwer, weil klassische Spionagegesetze sich mehr mit unsichtbarer Tinte als mit digitalen Postwurfsendungen beschäftigen. Verraten hat das Entschlüsselungspasswort der britische „Guardian“, dem schiebt Wikileaks die Schuld zu. Unverzeihlich aber der nächste Schritt: Kaum hieß es, dass die unredigierten Texte auf dem Markt waren, schob Wikileaks weitere 100 000 nach, die Klarnamen von Informanten enthalten sollen. Der megalomane Assange gehört in ein Sondergefängnis, wo er zur Strafe alle enthüllten Berichte mit der Hand abschreiben muss.

Gaddafis Regime verfügte über deutsche Sturmgewehre. Ein Skandal?

Das G36 von Heckler & Koch gehört zum Feinsten vom Besten. Neben den üblichen Nato-Verdächtigen haben diese Waffe auch Jordanier und Saudis; ARD-„Kontraste“ verdächtigt Deutschland, gar eine ganze Fabrik an die Saudis geliefert zu haben. Mithin schrumpft der „Skandal“ zur Frage, ob Deutschland Gaddafi direkt beglückt oder dieser das G36 auf dem Weltmarkt abgefischt hat. Im Rüstungsexportbericht der Bundesregierung findet sich das Empfängerland Libyen nur einmal – mit „Kommunikationseinrichtungen“. Vielleicht haben sich die Libyer als Jordanier/Saudis verkleidet, um so bei Heckler & Koch einzukaufen. In Oberndorf können sie die verschiedenen arabischen Akzente nicht so gut auseinanderhalten.

Nach dem UN-Bericht zur Gaza-Flotille: Sollte sich Israel bei der Türkei für sein Vorgehen damals entschuldigen?

Der Bericht ist diesmal recht fair zu Israel: Die Blockade war legal und angemessen; die Soldaten hatten angesichts gewalttätiger Passagiere das Recht zur Selbstverteidigung. Anderseits seien neun Tote „unangemessen“. „WmdW“ fügt „inkompetent“ hinzu. Die Entschuldigung ist aber keine Rechts-, sondern eine Machtfrage, und da spielen die Türken va banque. Nachdem sie die zweite Flotte klugerweise gestoppt hatten, weisen sie nun Israels Botschafter aus. Ankaras Außenpolitik ist nicht mehr berechenbar – ein Problem nicht nur für Israel.

Ein Wort zum Außenminister … 

„WmdW“ hat schon letzte Woche gefordert, das Artenschutzabkommen auf Guido W. auszudehnen, weil man nicht auf einem herumtrampelt, der am Boden liegt. Gebt dem Mann eine Chance; schließlich hat sich auch die bedrohte Eisbärenpopulation wieder erholt.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar