Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Die Revolutionstauglichkeit der Deutschen testen und Barack Obama warnen

Die USA werfen dem Iran Attentatspläne vor. Was steckt dahinter?

Ein merkwürdiges Komplott. Zwar ist Teheran seit 1979 für viele Terroranschläge rings um die Welt verantwortlich, aber die gegen Amerika – im Libanon, Irak und in Afghanistan – waren entweder sorgfältig kaschiert oder die Arbeit von Dritten (z. B. der Hisbollah). Eine solche plumpe Nummer wie die Verschwörung gegen den saudischen Botschafter in Washington war bislang nicht Teil des Musters. Womöglich verliert Ahmadinedschad die Kontrolle, will irgendjemand jegliche Annäherung an die USA vereiteln.

Aus „Occupy Wall Street“ soll „Occupy EZB“ werden. Wie empfänglich sind die Deutschen für eine antikapitalistische Revolution?

Theoretisch sehr, ist doch der Spruch vom „schaffenden Kapital“ (gut) und „raffenden Kapital“ (Banken und andere Böslinge) viel älter als der Nationalsozialismus (dessen besonderer Feind die Wall Street war). Andererseits ist der Deutsche kein Revolutionär; hier sind zu viele Revolutionen (1830, 1840, 1914, 1933, nach 1945 in der DDR) gründlich in die Hose gegangen. Mehr als der Aufruhr gegen Stuttgart 21 ist hier nicht drin, eine sehr brave Revolution. Die EZB besetzen? Die versucht doch gerade die europäische Wirtschaft zu retten. Der EZB-Chef Trichet gibt keinen guten Klassenfeind her.

Massive Behinderungen bei der Deutschen Bahn in und um Berlin durch eine Serie von Brandstiftungen: Ist das Linksterrorismus?

Wenn es Terror ist, dann kein linker, sondern womöglich der (absolut verdammenswerte) Rachefeldzug gequälter Bahn-Benutzer, die der DB deren selbstverschuldete Behinderungen heimzahlen wollen: Verspätungen, ausgefallene Züge, kaputte Klimaanlagen, steigende Preise. Die Wut mag verständlich sein, die Taktik ist verbrecherisch. Und dumm obendrein. So entsteht nicht nur Gefahr für Leib und Leben, sondern noch mehr Verspätung. Und die DB muss alle künftigen Ausfälle nicht mehr mit „technischen Gründen“ entschuldigen. Die Brandstifter sollten ihre gerechte Strafe nicht im Knast, sondern in der Zweiten Klasse absitzen.

Ein Wort ein Wort zu Amerika …

Für Obama ist „Occupy Wall Street“ ein Geschenk des Himmels: Jetzt hat er eine verheißungsvolle Wahlkampfstrategie, denn die Umfragen melden wachsende Wut auf die Banken. Einer seiner Chefberater sagt es offen: „Wir wollen das zum zentralen Element unserer Kampagne im kommenden Jahr machen.“ Eine riskante Politik. Denn erstens hat Obama drei Jahre lang die Banken gerettet. Zweitens war die Wall Street bislang eine sprudelnde Quelle von Wahlkampfgeldern. Und drittens haben viele in seinem Wirtschafts-Team enge Verbindungen zur Finanzindustrie.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Er lehrt derzeit in Stanford. Fragen: mal.

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