Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Weiter mietfrei im Weißen Haus wohnen und über Europa herrschen.

Wer gewinnt 2012 die amerikanischen Präsidentschaftswahlen?

Die Fragen 1–3 sind gemein. Denn sie fordern Voraussagen, die sich überprüfen lassen, was sie vom Horoskop unterscheidet, dessen Prophezeiungen so oder so stimmen – wie das heutige für „WmdW“: „Millionär muss der Fisch nicht werden, doch sollte ihm sein Sparstrumpf ein sanftes Ruhekissen bescheren.“ Da knirscht nur die Metaphorik. Also gut, zeigen wir dem Risiko die Zähne: Obama gewinnt. Warum? Weil die Wirtschaft langsam nach oben geht, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Republikaner keinen überzeugenden Kandidaten hinkriegen. In den Umfragen liegt Obama weit vor Gingrich, Huntsman, Paul… Nur Mitt Romney hätte eine Chance, aber den liebt die eigene Partei nicht. Also werden die Getreuen zur Wahlurne nur schlurfen. Mobilisierung aber ist alles in Zeiten knapper Wahlausgänge. Romney begeistert die Stammwähler nicht. Deshalb darf Obama weiter mietfrei im Weißen Haus bleiben.

Wird der Euro das Jahr 2012 überleben?

Unter Androhung von Folter? Dann gesteht „WmdW“ alles und sagt: Ja. Die Deutschen, die das größte Interesse am Euro haben und die größten Reserven dazu, werden dafür sorgen, dass die Währung bleibt. Ihr bester Verbündeter ist die Europäische Zentralbank, die sich entgegen den Regeln immer mehr zur Geldmaschine ohne Grenzen mausert, also notfalls Billionen in den Kreislauf pumpt. Wie dieses Meer an inflationstreibender Liquidität wieder trockengelegt wird, überlegen wir 2013 ff.

Wer gewinnt 2012 die russischen Präsidentschaftswahlen?

Diese Frage ist so schwer wie der Klassiker: „Wie lange währte der Dreißigjährige Krieg?“ Da Putin nur gegen Zählkandidaten antritt, wird er der nächste Präsident sein. Der Aufruhr in den Moskauer Straßen verdeckt eine simple Wahrheit: Der Kremlchef ist weder Mubarak (Ägypten) noch Ben Ali (Tunesien). Das System ist nicht marode, sondern beherrscht die Politik, Justiz, Armee und Wirtschaft – und das Gros der Medien. Es fehlt auch eine organisierte Opposition wie die Moslembruderschaft. Dieser Zar wird uns noch ein Weilchen erhalten bleiben.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Was Wilhelm und Adolf nicht mit Panzern und Knobelbechern gelungen ist, also die Vorherrschaft in Europa zu erringen, hat Merkel friedlich lächelnd mit einem demokratischen Gemeinwesen und schierer Wirtschaftsmacht geschafft. Und noch etwas ganz Neues: Anders als das „Zweite“ und „Dritte Reich“ verfolgt Berlin nicht nur eigensüchtige deutsche, sondern auch gesamteuropäische Interessen. Der Euro ist gut für D, aber auch für E. Deshalb sind die Deutschen recht wohlgelitten in dieser Zeit – zum ersten Mal seit Beginn ihrer Großmachtskarriere, ca. 1890.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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