Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Zu frech oder zu fahrig sein, nicht mehr skalpieren und sich verstecken.

Christian Wulff ist immer noch im Amt. Können Sie sich das erklären?

Morgen vielleicht schon nicht mehr. Aber: Dass die Medien-Staatsanwälte mit immer leichterer Munition schießen und manchmal sich selber in den Fuß, zeigt wie schwierig die Verurteilung ist. Kann man ihm die Lüge nicht nachweisen, kreidet man ihm die Umsonst-Übernachtungen an. Die BW-Porsche-Volkswagen-Nummer ist zu kompliziert, also stilisieren wir Wulff zum Leichtgewicht, der sein Amt nicht ausfüllt. Oder wir drängen ihn in die Enge und bemäkeln dann sein Krisenmanagement. Entweder ist er zu frech („ich bleibe!“) oder zu fahrig (siehe seinen Mailbox-Monolog). Wenn uns gar nichts mehr einfällt, sagen wir, dass die Diskussion, die wir selber angezettelt haben, „unwürdig“ ist. All das summiert sich (bis jetzt) nicht zum Staatsverbrechen à la Watergate. So lange bleibt der kleine böse Wulff im Amt.

Italien und Spanien kommen billig an Geld. Naht ein Ende der Euro-Krise?

Wir wollen die guten Nachrichten nicht übertreiben. Erstens fällt im Januar immer viel Cash an, weil viele Bonds zum Jahresende fällig und eingelöst werden. Zum Zweiten sind nur die Kurzläufer (zwölf Monate) etwas billiger geworden. Die Zinsen für Langläufer (zehn Jahre) sind für Italien gerade mal um 0,06 Punkte gefallen, die für Spanien gar um 0,04 gestiegen. Drittens hat die EZB den Banken eine halbe Billion hingelegt, und irgendwo müssen die das Geld investieren. Leider sind wir noch lange nicht über den Berg, zumal das Defizit der Spanier 2011 größer war als angenommen. „WmdW“ rät: Kaufen Sie Kurzläufer, wenn Sie unbedingt mehr haben wollen als das halbe Prozent von der Sparkasse. Warten Sie ab bei den Zehn-Jahres-Papieren. Erst wenn deren Zinsen zuverlässig sinken, ist das Schlimmste vorbei.

US-Soldaten urinieren auf tote Taliban- Kämpfer. Ein neues Abu Ghraib?

Das ist eine atavistische Siegerpose, etwa eine Million Jahre alt. Etwas später haben unsere europäischen Vorfahren die Köpfe der Verlierer aufgespießt und auf der Stadtmauer ausgestellt. Vor nicht so langer Zeit haben die Sieger die toten Krieger auch skalpiert, was zeigt, wie verroht schon die Ur-Amerikaner waren. Ein gewisser moralischer Fortschritt ist allerdings seitdem, zumal seit den etwas gravierenderen Nazi-Schrecken, eingetreten, und das haben diese Jungs ebenso wenig kapiert wie das eiserne Gesetz des Digitalzeitalters: Alles wird von irgendjemandem aufgenommen, dann irgendwann verwendet und versendet. Grundsätzlich: Soldaten dürfen töten, aber nicht bepinkeln. Allenfalls sprachlich ist noch Raum für Obszönes wie: „Verpiss dich“. Engländer dürfen auch das Wort „pissed“ für „betrunken“ benutzen.

Ein Wort zum Außenminister …

Drei: Wo ist er?

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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