Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Merkels Totenglöckchen zu früh läuten und neue Talkshowthemen suchen.

Karsai will den Abzug der Nato beschleunigen. Sind die Afghanen undankbar?

Der Präsident spielt ein tödliches Vabanque-Spiel. Die Logik: Er weiß, dass die Koalitionskräfte abziehen werden – vielleicht schneller als geplant, weil niemand der Letzte sein will, der das Licht ausmacht. Also will er sich bei den kommenden Machthabern, den Taliban, lieb Kind machen. (Die haben ebenfalls die Zeichen der Zeit erkannt und die Gespräche mit den USA abgebrochen.) Nur sind die Taliban keine weichherzigen Sieger. Sie werden, wie in dieser Stammeskultur üblich, furchtbare Rache an den „Kollaborateuren“ nehmen. So Karsai nicht frühzeitig dorthin flüchtet, wo er die abgezweigten Millionen aus den Hilfsgelder gebunkert hat, könnte er im Fußballstadion von Kabul vor einem Erschießungskommando landen.

Sigmar Gabriel nennt Israels Palästinenserpolitik „Apartheid“. Hat er recht?

Offensichtlich glaubt er das selber nicht. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er im dritten Anlauf: Alles ein „Missverständnis“, das ihm „leid tut“. Denn: „Dieser Vergleich“ sei „gegenüber Israel mehr als ungerecht und dem alten Südafrika gegenüber verharmlosend“. Merke: Wer sich in den Shitstorm begibt, rutscht darin aus. Man muss ihn aber dafür loben, dass er die Israelis nicht mit den Nazis verglichen hat, wie es weit links und rechts üblich ist. Merke zweitens: Moralisieren ist so eine Sache, gerade in Nahost, wo Assads Armee 7000 Syrer umgebracht hat. Israelische Soldaten, die harmlose Palästinenser erschießen, landen in einem Ermittlungs- oder Militärgerichtsverfahren.

Neuwahl in NRW. Was heißt das für Angela Merkel?

Schon Marx (behauptet jedenfalls „WmdW“) predigte, die bürgerliche Presse könne die Ereignisse nicht abwarten. Also läutet sie das Totenglöckchen für Merkel. Wenn sie alle vier anstehenden Landtagswahlen verliert, ist sie aber immer noch Kanzlerin, und zwar eine, die nach dem Stand der Dinge 2013 zwischen Rot und Grün als Koalitionspartner wählen kann. Richtig aber ist, dass sie eine klare rot-grüne Mehrheit im Bundesrat gegen sich hätte. Mit der ließe sich freilich leben, weil Schwarz-Rot-Grün im Grunde die „Neue Deutsche Einheitspartei“ (NDE) ist. Dass die Deutschen von einem Tandem Gabriel/Roth geführt werden wollen, ist so sicher wie die endgültige Rettung Griechenlands.

Ein Wort zum Bundespräsidenten …

Zu dem fällt „WmdW“ nichts mehr ein. Es ist schon alles von allen gesagt worden – bis zum Überdruss. „WmdW“ sorgt sich vor allem nicht um das Wohlergehen der Republik, sondern der Talkshows. Was machen die ohne Wulff–Gauck? Zuverlässig bleibt nur die Euro-Krise, aber die erfordert zu viel Sachverstand.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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