Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Terrorbomber aufspüren, Taliban bekämpfen, Erdgas fördern.

Bombenanschläge in Boston: Was tun gegen den neuen Terror?

Der neue Terror ist nicht neu. 2004 in Madrid, 2005 in London folgten einem ähnlichen Muster: Sprengstoff in Rucksäcken, die in Bahnhöfen oder Bussen abgestellt wurden, wo der Tod die größtmögliche Zahl von Opfern finden würde. Dito der vereitelte Anschlag am Times Square von New York 2010 – mit einer Autobombe. Gegen Terroranschläge auf große Menschenmengen lässt sich nicht viel ausrichten, es sei denn, wir wollen nie wieder von unserer Freiheit Gebrauch machen, uns im öffentlichen Raum zu bewegen. Erfreulich ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der die US-Behörden die Killer von Boston und den Einzeltäter von New York, Faisal Schazad, ausfindig gemacht haben: nach zwei Tagen.

Die Bundeswehr will auch nach 2015 in Afghanistan bleiben. Ein guter Plan?

Für Schulen- und Brunnenbau auf jeden Fall. Aber ohne Sicherheit ist alles nichts, und wenn dann die Bundeswehr allein auf weiter Flur wäre, würde es ungemütlich. Wie die Taliban an ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Zerstörung von Mädchenschulen, hindern? Grundsätzlich wäre eine unbefristete westliche Militärpräsenz gut, um einen neuen Taliban-Terrorstaat zu vereiteln. Dazu muss man aber fähig sein, die Taliban mit Präzisionswaffen, Drohnen und lückenloser Aufklärung aus der Luft und aus dem Weltraum in Schach zu halten. Das Gerät hat die Bundeswehr nicht, und deshalb hängt alles davon ab, ob Obamas Amerika sich gänzlich zurückzieht.

Die „Alternative für Deutschland“ wurde gegründet. Bietet sie eine Alternative?

Die wollten schon die bayerischen Freien Wähler bundesweit liefern, doch ist der Vormarsch über die alte Mainlinie (vulgo: Weißwurstäquator) gescheitert. Das Problem für die AfD ist es, dass der alte Nationalismus in D nicht so richtig zieht und der neue deutsche Mensch den Euro zu sehr schätzt, um wegen der kommenden Schulden- und Transferunion die Vollprogramm-Parteien zu verschmähen. Grundsätzlich: Einzweck-Parteien leben nicht lange in Deutschland – siehe zuletzt die Piraten mit ihrer Freikopier-Utopie.

Ein Wort zu Amerika ...

Sinkende Erdgas-Preise lassen die USA klimamäßig tugendhaft aussehen. Der Grund: Gas stößt in Industrieprozessen und bei der Stromerzeugung halb so viel CO2 aus wie Kohle. Deshalb haben die Amis ihre Emissionen 2011 um 509 Millionen Tonnen reduziert, die Europäer nur um 370, obwohl die US-Wirtschaft schneller wächst. (Absolut aber lag Amerika 2011 mit 5500 Millionen noch vor Europa mit 4300 Millionen, derweil China so viel wie beide zusammen in die Luft schleuderte.) Sinken die Preise wegen neuer Funde weiter, kriegt Amerika 2020 den Kyoto-Verdienstorden.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Zurzeit lehrt er Politikwissenschaft an der Stanford University. Fragen: mal.

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