Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Russland wird zu Obervolta und Italien arrangiert sich mit sich selbst.

Neuer Dreh in der Spionageaffäre: Die NSA-Daten stammen offenbar vom Bundesnachrichtendienst. Wer ist blamiert?

Die Medien, von denen schon Marx (behauptet jedenfalls WmdW) gesagt hat: „Die bürgerliche Presse kann die Ereignisse nicht abwarten“. Insbesondere jene Kommentatoren, die im Herzen deutschnational sind, aber die progressive Contenance wahren wollen. Sie haben ungeachtet einer uralten Kooperation zwischen deutschen und US-Diensten den neudeutschen Ersatznationalismus namens „Anti-Amerikanismus“ gepflegt. Wie bei jedem „Anti-Ismus“ schafft der sich seine eigenen Fakten, um den Amis alles Böse dieser Welt anzuhängen, den geläuterten Deutschen aber die höhere Moral zu bescheinigen. Jetzt steht auf einmal der BND im Visier, wie so oft seit 50 Jahren. Andererseits: Würden wir „Pressbengel“ (Bismarck) nur Meinungen aufgrund von gesicherten Kenntnissen äußern, wären 80 Prozent von uns arbeitslos.

Zwischen Obama und Putin rumpelt es. Wer sitzt am längeren Hebel?

Erst mal Putin. Der hat ja vor allem den Laptops von Snowden Asyl gewährt, und der russische Dienst FSB wird auf den Festplatten viel finden, womit er die USA embarassieren oder erpressen kann. Längerfristig aber bleibt Russland ein „Obervolta mit Atomwaffen“, wie H. Schmidt einst lästerte. Seine Kraft hängt am Preis für Bodenschätze, und die USA sind gerade dabei, den für Öl und Gas durch „Fracking“ mächtig zu drücken. Ähnlich andere Produzenten, von Israel bis China. Schlimmer noch: Zar Wladimir will keinen Rechtsstaat zulassen – das A und O aller wirtschaftlichen Entwicklung. Die ungezügelte Macht lässt keine Märkte wachsen. Auch keinen Spielraum für helle Köpfe. Die landen im Gulag.

In Ägypten droht ein Bürgerkrieg. Wer kann ihn verhindern?

Nur Ägypten. Doch ist dieser 5000 Jahre alte Nationalstaat nicht mit Libyen, Syrien oder Irak zu vergleichen – Kunststaaten aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches mit fürchterlichen ethnischen und religiösen Konflikten. Noch agiert das Machtzentrum namens „Armee“ halbwegs klug. Womöglich schafft sie es mit ihrer Legitimität, eine halbwegs inklusive Verfassung sowie funktionierende Institutionen zu zimmern. Inschallah.

Ein Wort zu Italien...

WmdW, zurzeit in Todi, erfreut sich immer wieder an der Kluft zwischen einem dysfunktionalen Staat und einer funktionierenden Gesellschaft. In der Garage haben sie ihm trotz der drohenden Mittagszeit auf die Schnelle das Getriebe repariert, beim Optiker die Brille, die in D erst einmal eingesandt worden wäre. „Arrangiarsi“ lautet die italienische Lebenskunst, die weder Mussolini noch Berlusconi haben austreiben können. Außerdem: Italien ist auf dem besten Wege, einer fünf Jahre alten Rezession zu entfleuchen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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