Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Die Krise nicht spüren, auf Gott vertrauen, sich gemeinsam enthalten.

Großbritannien will an einem Militäreinsatz in Syrien nicht teilnehmen. Ist dies das Ende einer „besonderen Beziehung“?

Dieses hätte schon 1783 kommen müssen, als die Jung-Amerikaner die Briten aus den 13 Kolonien in den heutigen USA vertrieben. Oder 1812, als die USA dem britischen Weltreich den zweiten Krieg erklärten und dieses sich mit dem Niederbrennen Washingtons revanchierte. Oder 1956, nachdem die Briten die Suezkanalzone besetzt hatten. Ein Run auf das Pfund brach aus, und London musste Amerika um einen Milliarden- Notkredit anbetteln. „Könnt ihr haben“, säuselte Washington, „aber erst raus aus Ägypten.“ Trotzdem ist die Sonderbeziehung ein Fixpunkt der Weltpolitik geblieben. Es trennt ja die beiden „eng verwandten Völker“, wie Churchill sagte, „nur ihre gemeinsame Sprache“.

Der Euro wird im Wahlkampf totgeschwiegen. Gibt es die Euro-Krise noch?

So richtig totgeschwiegen wird die Krise nicht, bedenkt man den Kampf der „Alternative für Deutschland“ gegen den Euro. Die Kampagne verfängt nicht, weil niemand das Wesen dieser Krise versteht und keiner sie am eigenen Leibe spürt. Aber sie läuft weiter, auch wenn die Nnachrichten aus Italien und Frankreich minimal besser werden. Stütze für Griechenland wird zur Routine, Portugal und Irland sind noch nicht gerettet. Wahrscheinlich glaubt das Wahlvolk, dass es sich die kleinen Krisenstaaten leisten kann. Wenn sich die Großen nicht berappeln, hilft nur der liebe Gott.

Der US-Geheimdienstetat wurde seit 2001 verdoppelt. Eine gute Investition?

Das ist wie bei der Diebstahlversicherung. Ob man zu wenig an Prämien bezahlt hat, merkt man erst nach dem Einbruch, wenn die Deckungssumme bloß einen Bruchteil des Verlusts wettmacht. Den Angstfaktor kennen die Schlapphüte, und deshalb schleppen sie ab, was sie können mit der Frage: „Was ist, wenn?“ Das Problem ist ein demokratietheoretisches – dass der Volkssouverän nicht wusste, wie viel die Dienste kassieren – nämlich mehr als im kältesten Kalten Krieg. Dies ist absurd und ein Zeichen der Unkontrollierbarkeit. US-Präsident Barack Obama sollte aufhören, sonore Sprüche abzusondern und sich mit dem Kongress daranmachen, die Zügel kräftig anzuziehen. Dabei würden (oder müssten) auch jene Republikaner mitmachen, die für einen kleineren Staat und niedrigere Steuern fechten.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik...

Die Deutschen, die auf keinen Fall in Syrien mitmachen würden, haben ein hübsches Geschenk vom britischen Parlament bekommen: das Nein zum Krieg. Jetzt stehen sie nicht so allein da wie im Falle Libyen. Wenn London sich enthält, muss sich Berlin nicht schämen. Und Assad darf aufatmen. Vorläufig.

– Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Fragen: fal

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