Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Etwas für nichts bekommen, auch Heteros cool finden, Scharons Taten würdigen.

Syrien, Irak, Jemen, Somalia: Al Qaida ist stärker denn je. Wer ist schuld daran?

Ein beachtlicher historischer Wandel: Früher – siehe die Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 – zeugte Terror den Krieg; heute gebiert Krieg den Terror. Denn: Überall, wo Gewalt tobt, floriert Al Qaida als Trittbrettfahrer der Blutrunst. Mitschuldig: der Rückzug des „Weltpolizisten“ USA; genauso wie die Natur verträgt auch die Machtpolitik kein Vakuum. Außerdem: Zwischen Damaskus und Kabul fallen die Grenzen, weil überall die Staaten scheitern und sich zerlegen.

Arbeitslose EU-Ausländer haben Anspruch auf Hartz IV, meint die EU-Kommission. Ein richtiges Signal?

Richtig, wenn auch das falsche Signal. Der moderne Wohlfahrtsstaat schafft Rechtsansprüche, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, also der Pflicht zur Einzahlung in die Sozialkassen oder der Arbeitssuche. Im jungen Wohlfahrtsstaat waren Einwanderer auf sich selber angewiesen, was die Assimilation beschleunigte. Etwas für nichts zu bekommen, ist der falsche Anreiz, aber die Gesetze verbieten Ungleichbehandlung.

Der Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich zu seiner Homosexualität bekannt. Eine mutige Tat?

Nicht mehr in einer Zeit, da Klaus („Und das ist gut so“) Wowereit diesen Schritt vor Jahren getan hat und ein Geistlicher, der im öffentlichen Leben steht, WmdW gerade eine „Just-Married“-Karte geschickt hat, um den „Bund fürs Leben“ mit seinem Freund zu verkünden. Dito Guido Westerwelle – im krassen Kontrast zu Adenauers Außenminister Brentano, der seine „sexuelle Präferenz“ peinlichst verstecken musste. Es gilt der beißende Spruch: „Tabu ist heute nur noch Sex mit Tieren, Kindern und der eigenen Ehefrau.“ Letzterer war seit biblischen Zeiten der einzig genehme GV. Wir sollten allerdings darauf bestehen, dass Heterosexualität auch cool ist.

Ein Wort zu Ariel Scharon. Kommt er in den Himmel oder in die Hölle?

Juden kennen eigentlich keinen Himmel, sondern nur das Fegefeuer („Gehinom“). Seine Zeit hat der Feldherr dort acht Jahre im Koma abgesessen, genauer: ab-gelegen, derweil die moderne Medizin dem lieben Gott ins Handwerk pfuschte. Im Tod zählt vorweg die wundersame Wandlung des Premiers vom Wüterich zum Friedensbewegten, der zwei Staaten wollte und im einseitigen Abzug aus Gaza an die 10 000 Siedler vertrieb. Hätte er anders als seine Nach- Gänger eine Lösung geschafft? Das weiß allein der Allmächtige, der den Israeliten zwar das Gelobte Land gab, aber auch unangenehme Nachbarn, die sich derzeit selber zerfleischen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

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