Zeitung Heute : Vier Räder, eine Mission

Freie Fahrt zum Cappuccino. Ingo Stöcker engagiert sich für die „Wheelmap“ – das Café Voss ist dort auch schon eingetragen. Zur Arbeit kommt er meist mit dem Auto. Und erspart sich so den Ärger über kaputte S-Bahn-Aufzüge. Foto: Paul Zinken
Freie Fahrt zum Cappuccino. Ingo Stöcker engagiert sich für die „Wheelmap“ – das Café Voss ist dort auch schon eingetragen. Zur Arbeit kommt er meist mit dem Auto. Und erspart sich...

Die Karte gibt es als App und im Internet Der Fernsehturm bleibt weiter unerreichbar Die „Wheelmap“ zeigt weltweit barrierefreie Orte an – in Berlin könnten es ruhig mehr sein

Am Rosa-Luxemburg-Platz ist das Ergebnis eher mittelmäßig: Die U-Bahn-Station ist rollstuhlgerecht, die Volksbühne aber nur teilweise. Das Kino Babylon müsste noch mal jemand auf seine Rollstuhlfreundlichkeit überprüfen. Und ins Café Voss kommt man mit dem Rolli zwar gut hinein – doch es gibt keine Behindertentoilette.

Ingo Stöcker hat sich trotzdem einen Cappuccino bestellt. Der 30-Jährige kam mit Spina Bifida, einer Fehlbildung der Wirbelsäule, auf die Welt. In seiner Freizeit engagiert sich der Informatiker für die „Wheelmap“, eine Karte, die online abrufbar ist (www.wheelmap.org) und die es auch als App für das iPhone gibt.

Sie zeigt Rollstuhlfahrern, an welchen öffentlichen Orten – also zum Beispiel Bars und Restaurants, aber auch Banken, Behörden oder Läden – sie mit dem Rollstuhl gut zurecht kommen. Oder wenigstens teilweise. Oder überhaupt nicht. Eine neue Eintragung hinzufügen kann jeder, der sich registrieren lässt.

„Bislang haben wir 50 000 Orte auf der Seite“, sagt Ingo Stöcker. Etwa hundert kommen täglich hinzu – weltweit. Wahrscheinlich auch, weil es in der „Wheelmap“ nur die drei Kategorien „rollstuhlgerecht“, „teilweise“ und „nicht rollstuhlgerecht“ gibt. Das macht die Anwendung leicht.

Stöcker ist an diesem Sonnabend mit dem Auto nach Mitte gefahren – und deshalb verschont geblieben von kaputten Aufzügen, die es Berlinern mit Handicap oft schwer machen, gut durch die Stadt und pünktlich ans Ziel zu kommen. Diese Probleme kennt Stöcker natürlich auch: zum Beispiel aus seiner Studentenzeit, als er an der Humboldt-Universität im Nebenfach Betriebswirtschaft studieren wollte: „Das Gebäude in der Spandauer Straße war nicht rollstuhlgerecht.“ Deshalb fuhr er für seine BWL-Kurse an die Freie Universität nach Dahlem.

Ein anderes Mal musste er für sein Informatikstudium einen Behindertenparkplatz beantragen – doch das Büro, das er dafür aufsuchen musste, war mit dem Rollstuhl überhaupt nicht zu erreichen. Ob im öffentlichen Nahverkehr mal wieder ein Fahrstuhl kaputt ist, kann der Berliner an seiner Rollstuhl-Basketball-Gruppe sehen: wenn nämlich einer der Mitspieler fehlt, weil er seine Anreise abbrechen musste.

Diese Erfahrung hat auch Raul Krauthausen schon oft gemacht, der Vorstand des Vereins „Sozialhelden“, der in den vergangenen Jahren viele Projekte organisiert hat: Wegen eines kaputten Fahrstuhls endete seine Fahrt zur Arbeit häufig auf dem Bahnsteig. Die Idee zur „Wheelmap“ entstand vor etwa zwei Jahren. „Ein Freund wollte sich nicht immer mit mir im selben Café treffen“, erzählt Raul Krauthausen. Damals dachten die beiden zum ersten Mal über eine Plattform nach, auf der sich Menschen mit Mobilitätseinschränkungen über geeignete und ungeeignete Orte austauschen können.

Das Projekt scheiterte zunächst an den mangelnden Programmierkenntnissen – bis der Verein beim Deutschen Engagementpreis mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde – und 10 000 Euro bekam. „Danach haben wir einen Entwickler beauftragt.“ Seit September 2010 gibt es die „Wheelmap“ nun. Von den rund 50 000 Einträgen sind im Moment knapp 32 000 rollstuhlgerecht, 14 500 teilweise und 9500 gar nicht.

Ingo Stöcker geht zum Einkaufen zum Beispiel gerne in große Supermärkte – weil er dort genügend Platz hat. Wenig angenehm findet er Läden, in denen die Regale sehr eng gestellt sind. „Ich verstehe natürlich, dass die Händler so viele Waren wie möglich präsentieren wollen.“ Er selbst könne sich dort aber kaum bewegen. Und bleibe lieber draußen.

„In Deutschland muss ich meistens selber herausfinden, ob ein Ort behindertengerecht ist“, sagt Ingo Stöcker. In vielen anderen Ländern könne man das schon von außen erkennen. Besonders rollstuhlfreundliche Erfahrungen hat der 30-Jährige in den USA gemacht: „Dort hat man uns zum Beispiel am Strand darauf hingewiesen, dass es für Rollstuhlfahrer spezielle Buggies gibt.“ Angenehm sei für ihn auch gewesen, dass alle öffentlich zugänglichen Orte barrierefrei sind – und „alles ohnehin breiter und leichter zu erreichen“ sei als in Deutschland.

Eine gegenteilige Erfahrung machen dagegen Touristen, die nach Berlin kommen und mit dem Rollstuhl hinauf auf den Fernsehturm wollen. Denn das ist noch immer unmöglich – aufgrund von Brandschutzbestimmungen. „Das kann einfach nicht sein“, findet Raul Krauthausen, der wegen seiner Glasknochen-Krankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Ihn ärgert auch, dass die 2009 eröffnete neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität im Grimm-Zentrum viele Barrieren für Rollstuhlfahrer bereithält. Und deshalb viele Nutzer mit Handicap abschreckt.

Umso mehr genießt Ingo Stöcker die Mobilität, die sein eigenes Auto ihm bietet. Damit kommt er problemlos zur Arbeit und zurück. Es sei denn, ein Nicht-Betroffener parkt auf seiner Stellfläche, oder so dicht daneben, dass Stöcker überhaupt nicht in seinen Wagen einsteigen kann. „Das schränkt viele Betroffene in ihrem Arbeitsalltag ein“, sagt er. Bis zur Räumung des Parkplatzes könnten bis zu 90 Minuten vergehen. In Prenzlauer Berg habe sich die Situation inzwischen zum Glück weitestgehend entschärft – durch die neue Parkraumbewirtschaftung.

„Generell profitieren Rollstuhlfahrer aber davon, dass alle Menschen immer bequemer werden“, glaubt der 30-Jährige. Auch wenn sich deshalb häufig gehende Menschen an ihm vorbeischieben, um noch schnell vor dem Rollstuhl im Aufzug sein. Doch auch andersherum wird ein Schuh draus: „Am Ende des Tages machen Bars und Geschäfte auch einen wirtschaftlichen Gewinn, wenn Rollstuhlfahrer sie aufsuchen können“, sagt Ingo Stöcker, und trinkt im Café Voss seinen Cappuccino aus.

Infos zu barrierefreien Orten in Berlin sind auch in dieser Datenbank zusammengestellt: www.mobidat.net

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