Zeitung Heute : Vier Tage Dachboden

Michael Jackson und der Wahnsinn von Hamburg

Tanja Stelzer[Hamburg]

Ein winziger Moment, so kurz vielleicht, wie es dauert, das Wort „König“ auszusprechen: Hinter einem schwarzen Van mit abgedunkelten Scheiben, Marke Ford Galaxy, springt ein blasses Gesicht hervor, schwarze lange Haare, dunkle Sonnenbrille, knallrote Jacke. Das Gesicht lacht, und noch bevor man den Blick auf die Nase lenken kann, weil bei diesem Gesicht ja jeder gleich die Nase sucht, ist es schon wieder weg. Ein paar Sekunden später winkt noch einmal eine Geisterhand durchs Autofenster nach draußen. Dann fährt der Ford weg und mit ihm der Glanz und der Wahnsinn.

Michael Jackson war da, in Hamburg-Niendorf, mit Nanny und den Kindern Prince und Paris, zu Besuch bei seinem Freund Anton Schleiter, 23, den er vor elf Jahren bei „Wetten dass ..?“ kennen gelernt hatte. Seitdem, heißt es, seien Michael und Anton befreundet, Anton hat ihn sogar mal auf der Neverland-Ranch besucht. Jetzt also war Jacko zu Hause bei Anton, nicht zum ersten Mal. Der Ausflug dürfte für Michael Jackson ein bisschen langweilig gewesen sein, auch wenn er am Samstag im ersten Stock die Blümchengardine zur Seite schob und einen Zettel mit den handgeschriebenen Worten „I’m so proud to be in Hamburg“ an die Scheibe hielt. Michael Jackson hat das belagerte Haus vier Tage lang nicht verlassen, angeblich aus Sicherheitsgründen.

Die Schleiters wohnen in einem nicht kleinen, aber auch nicht besonders prunkvollen Einfamilienhaus an einer Durchgangsstraße in Hamburg-Niendorf. Dass Michael Jackson ausgerechnet hier, in einem nicht eben für große Ereignisse bekannten Stadtteil, auf dem Dachboden schlief, ließ die Hamburger sich dem Glamour nahe fühlen. So nah, dass viele dachten, sie könnten doch mal gucken gehen, ob vielleicht eine Hand … Antons Vater, der Musikmanager ist und „Musik zum Reiten“ auf CD herausgibt, war das zu viel, am Freitagabend rief er die Polizei.

Die Polizisten kamen gern. Als Erstes fragte Hans Siebensohn, Leiter des Polizeikommissariats 24, Herrn Jackson nach dem Ausweis. Dann reichte er ihm eine Visitenkarte der Hamburger Polizei, für ein Autogramm. Noch am Montagmorgen wirkt der oberste Polizeibeamte von Niendorf beseelt, wie seine Kollegen, die vor dem Haus Spalier standen, manche in der Nacht bei minus 13 Grad, „aber ein Motivationsproblem hatten wir nicht“, sagt Siebensohn. Jeder hoffte, den König zu sehen, denn der ist Jackson für sie fraglos noch immer, auch wenn die „Bild“-Zeitung böse titelt: „Der unheimliche Besuch in Niendorf – was will Michael Jackson von diesem Hamburger?“

Der Jacko-Wahnsinn. Ein Hamburger Radiosender setzte für ein Michael-Foto in der Hansestadt eine Belohnung von 5000 Euro aus, auch wenn man im Radio keine Fotos angucken kann. In der Zeitung stand, um wie viel Uhr Jacko Pizza ordert (Sonnabend, 17 Uhr 30 und Sonntag 15 Uhr 10), wann Antons Schwester Poster, Fotos und Blöcke zum Signieren einsammelt (Sonnabend, 19 Uhr 17 und Sonntag, 15 Uhr 10) und wann, das ist der Höhepunkt des Besuchs, Michael sich winkend am Fenster zeigt, eine Hand verdeckt die Nase (Sonntag, 20 Uhr 09).

Montagmittag, 12 Uhr 13. Fotografen steigen von Trittleitern und Autodächern herunter, „hey, hat Spaß gemacht“. Polizisten räumen die Absperrgitter in den Vorgarten. Ein rotwangiges Mädchen spricht einem Reporter von Radio Energy ins Mikrofon: „Ich liebe ihn, ich schwör’s, können Sie uns zum Flughafen fahren?“ Ein Haus mit Blümchengardinen, auf den Fensterbänken Zimmerpflanzen und eine Leuchtgans, die darauf wartet, dass sie jemand anknipst. Hamburg wischt sich den Glitzerpuder vom Gesicht.

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