Zeitung Heute : Vierseithof

Orangeneis in der Tuchfabrik

Bernd Matthies

Vierseithof, Haag 20, Luckenwalde, Tel. 03371/62680, montags und dienstags geschlossen. www.vierseithof.com. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Würden wir hier eine kleine Rundreise durch den so genannten Brandenburger Speckgürtel machen, stünde das Ergebnis in wenigen Wochen fest: wenig Speck dran am Gürtel. Dennoch nähern wir uns unaufhaltsam der Spargelsaison, und bald steht wieder halb Berlin draußen im märkischen Sand. Ja, und dann werden die Speisekarten unweigerlich das alte Lied intonieren: Mit Schnitzel, Schinken – oder nur Kartoffeln?

Ja, das bieten alle Restaurants auch dieses Jahr wieder an, es ist nun mal so üblich. Dabei kann sich jeder, der mal unfallfrei eine Boulette gebraten hat, auch ein Kilo Spargel kochen und die gleiche Tüten-Hollandaise anrühren, die es draußen auf dem Dorf… Schluss jetzt! Viele Köche draußen im Land haben es verdient, dass man ihnen Besseres abverlangt, und einer der Besten dieser Köche ist Dieter Kobusch, der Küchenchef im „Vierseithof“ in Luckenwalde. Er hatte es nicht leicht in letzter Zeit, ist speziell vom Restaurantführer Gault-Millau zunächst harsch verrissen und dann ein Jahr später ganz aus der Wertung entfernt worden. Ich bin lange nicht mehr da gewesen und habe keine Ahnung, was möglicherweise los war – doch kürzlich hat es mir wieder ganz gut geschmeckt.

Kobusch ist kein großer Erfinder, sondern macht sich die Moden und Tendenzen so zurecht, dass kein Luckenwalder, verirrte er sich denn hinein, verschreckt würde, aber auch kein anspruchsvoller Gourmet frustriert flüchten muss. Modern französisch, italienisch bis mediterran, wie sie es eben so machen derzeit. Das Hauptproblem ist wohl eine gewisse Überladung der Teller, die die an sich ausgewogenen Kompositionen manchmal unter zu viel Klimbim verschwinden lässt. Fehlt es am Zutrauen zu den Produkten?

Der exakt geschmorte Kalbstafelspitz auf einem vorzüglich zubereiteten Kohlrabigemüse hätte weder den grünen Spargel zur Unzeit noch allerhand andere Gemüseeinwürfe gebraucht, und auch der Käsehauch aus dem Grießfladen dazu war schlicht und einfach überflüssig, er störte den Gesamteindruck mit seinem dominanten Aroma sogar. Ähnlich ging es uns mit der perfekt hauchzart gebackenen Zucchiniblüte zum Saiblingsfilet, über der sich ebenfalls eine wenig subtile Parmesanwolke erhob. Wer das mag, wird indessen beglückt sein – ein subjektiver Einwand.

Was hatten wir noch? Eine hübsch schaumige weiße Tomatensuppe mit Kalbsbries und sehr guten Ofentomaten am Rosmarinspieß, dezente Möhren-Ingwer-Suppe mit Jakobsmuscheln, gratinierten Büffelmozzarella aus der Region mit Thunfischtatar, außerdem saftig gebratenes Stubenküken mit Salat und Gänseleber, das „mit Trüffeln gespickt“ sein sollte, dann aber doch nur dekoriert mit einigen fast weißen, aromafreien Trüffelscheiben kam. Immerhin hatte die Küche nicht der Versuchung nachgegeben, mit Trüffelöl nachzuhelfen – aber so hatte das Ganze nun auch keinen Sinn.

Freude dagegen bereiteten uns die Desserts, Blutorangenmousse mit Schokolade und einem herrlich herben Orangeneis sowie eine durch feines weißes Kaffee-Eis aufgewertete Crème brulée. Die Weinkarte ist ansehnlich, die offenen Weine schon mehr als passabel. Sogar ein paar Anti-Zeitgeist-Weine sind zu finden, beispielsweise ein reizvoll gereifter, knochentrockener 99er Riesling „Platin“ von Jurtschitsch, Österreich (38 Euro). Die Preise sind kommod, drei Gänge kosten 29, vier 41 Euro.

Der nette, aufmerksame Service macht seine Sache gut, und die Atmosphäre in der ehemaligen Tuchfabrik, fast ein wenig luxuriös zu nennen, ist immer noch sehr angenehm, wenn auch ein paar Abnutzungsspuren allmählich sichtbar werden. Großer Nachteil aus Berliner Sicht: Mittags bietet die Küche nur ein eingeschränktes Programm mit vier Hauptgängen plus „Tagessuppe“ und „Tagesdessert“, ein gravierender Mangel für alle Gäste, die den Rückweg nach Berlin nicht im Dunkeln hinter sich bringen mögen. Auch die hübsche Terrasse ist eher ein Ort für ein ausladendes Mittagessen, das so nur den halben Spaß bringt.

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