Zeitung Heute : Viertel vor zwölf

Berlin-Neukölln: Schüsse auf Polizisten, Drogen im Park, Arbeitslosigkeit. Das scheint fast die ganze Wahrheit über den Bezirk zu sein. Fast

Marc Neller

Ein Routineeinsatz, eigentlich. Drei Polizisten wollen zwei Männer kontrollieren: Die flüchten, einer der beiden zieht eine Pistole und schießt, siebenmal. Eine der Kugeln trifft Uwe L., 42 Jahre alt, Polizeihauptkommissar, in die linke Schläfe. Er wird das womöglich nicht überleben.

Tatort: am Volkspark Hasenheide im Berliner Stadtteil Neukölln. Die Frage ist, ob man noch lange nach Erklärungen suchen muss. Ob sie nicht auf der Hand liegen, wenn man weiß, wo das passiert ist.

Starb nicht im April 2003 der Polizist Roland Krüger, als ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung einer libanesischen Großfamilie stürmte – auch in Neukölln? Zudem ist die Hasenheide einer jener Plätze, die die Polizei „Drogen- und Kriminalitätsschwerpunkt“ nennt. Es ist nicht sonderlich schwer, dort Drogen zu besorgen, die Dealer sprechen einen von selbst an, auch wenn man nur spazieren geht. Seit 30 Jahren hat sich daran wenig geändert, trotz aller Versuche, die es gab.

Der Bezirk hat große soziale Probleme, vor allem im nördlichen Teil, sie sind unzählige Male beschrieben worden: hohe Arbeitslosigkeit, hoher Ausländeranteil, hohe Jugendkriminalität. Letzte Plätze im Berliner Sozialstrukturatlas, dafür führend bei den Privatinsolvenzen. Lehrer wie Sozialarbeiter beklagen, an den Schulen und auf den Straßen nehme die Gewalt zu. Banden, die sich befehden und Massenschlägereien veranstalten. Messer, die locker sitzen. Die Polizeimeldungen der Zeitungen sind voll damit. Und seit kurzem läuft in den Kinos „Knallhart“, ein Film, der die Brutalität von Jugendbanden thematisiert. Er spielt in Neukölln. Reicht all das nicht als Erklärung?

Nein, glaubt Heinz Buschkowsky. „Dieser Film könnte auch in Hamburg oder Duisburg spielen.“ Man könnte Buschkowsky unterstellen, dass er das sagen muss, schließlich ist der SPD-Mann der Bürgermeister des Bezirks. Andererseits kann man ihm nicht vorwerfen, er versuche, die Probleme in seinem Bezirk kleinzureden. In Essen, sagt Buschkowsky, kommen auf 1000 Einwohner 67 Bedarfsgemeinschaften, die von Hartz IV leben, In Hamburg 63. In Neukölln sind es 137, einsame Spitze in Deutschland. Und nachdem Ende 2004 in Holland der Filmemacher Theo van Gogh ermordet worden war, sagte Buschkowsky unmissverständlich, dass der Traum von der Multikulti-Gesellschaft ausgeträumt sei. Er hat damit an einem Tabu gerührt und ein bundesweites Echo erzeugt. Auch über „Knallhart“ sagt er, dass er den Film für ziemlich realistisch halte. Dass aber trotzdem nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit zu sehen sei. Der Regisseur zeige nicht Neukölln, sondern ein bestimmtes Milieu.

Es gibt Menschen in Neukölln, die vor den Problemen nicht die Augen verschließen und das trotzdem ähnlich sehen. Man findet sie in der Neuköllner Oper oder im Café „Götterspeise“ gleich bei der Oper. Oder in der Nähe der Hasenheide. Ein Computer-Spezialist etwa, Ende 30, den man auf der Straße anspricht, lobt die günstigen Wohnungen, die Cafés und Kneipen. „So günstig wie hier findet man in der ganzen Stadt keine so tollen Wohnungen.“ Er wohnt in der Nähe der Schillerpromenade, keine fünf Gehminuten von jenem Ort entfernt, an dem der Polizist angeschossen wurde.

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts haben sich die Stadtplaner Gedanken gemacht, wie man aus dem proletarischen Neukölln einen bürgerlichen Stadtteil machen könnten. Die Schillerpromenade mit ihren Stuckfassaden und Blumenrabatten war ein Gegenentwurf zu den anderen damals schon berüchtigten Vierteln in der Nähe. Studenten wohnen dort, Journalisten. Und doch, der Reiz dieser Gegend scheint Grenzen zu haben. Nur solange er keine Kinder habe, werde er in Neukölln wohnen, sagt der Computer- Spezialist. „Dafür ist mir die Gegend nicht sicher genug. Man hat ja zum Beispiel keine Kontrolle über das, was in der Schule passiert.“

Wenn man den Lehrern glauben darf, passiert in etwa das: Schüler werden eingeschüchtert, verprügelt, ihr Handy oder ihr Geldbeutel werden geklaut.

Und dann gibt es einen Ort, da erinnert Neukölln ein bisschen an Charlottenburg, einen deutlich besser beleumundeten Bezirk: Karstadt am Hermannplatz. Darin streifen Menschen durch die Feinkostabteilung. Davor sieht man Frauen, die in Jogginghosen unterwegs sind.

Jeder vierte Neuköllner ist arbeitslos. In eines der größten Jobcenter Deutschlands kommen viele Jugendliche. Männer und Frauen unter 25 Jahren, oft ohne Schulabschluss, aber mit einer Reihe von Problemen: Drogen, Kriminalität. Viele haben Kinder, obwohl sie selbst fast noch Kinder sind. Weil das alles so ist, steigt die Armut, statt abzunehmen, und die Polizei hat gut zu tun, um die Kriminalität einigermaßen im Griff zu behalten.

Manchmal passiert etwas Unerwartetes, im Rollbergviertel zum Beispiel. Das Viertel ist auch so ein Schwerpunkt. Die Polizei sagt, die Kriminalität sei dort in den vergangenen Jahren um fast ein Drittel gesunken. Die Arbeit der Quartiersmanager habe sich ausgezahlt, die Polizei allein könne solche Erfolge nicht erzielen.

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