Zeitung Heute : Virtuelle Archäologie

Grabungen werden mit Lasertechnik zeichnerisch umgesetzt

Michael Zajonz

Archäologen waren bislang Handarbeiter. Wissenschaftler, und zwar hochspezialisierte, die nicht nur den Bagger dirigieren und die Schaufel richtig ansetzen mussten, sondern jeden Fund in Wort, Fotografie und Handzeichnung zu dokumentieren hatten.

Seit einigen Jahren aber tauchen auf immer mehr Grabungen kleine grünlackierte Kisten mit Stativfuß, Optik und Display auf, die eine fachgerechte zeichnerische Aufnahme durch virtuelle zwei- und dreidimensionale Modelle des Ausgegrabenen unterstützen. Ein solcher Tachyometer kommt auch auf den Lehrgrabungen der Berliner Humboldt-Universität zum Einsatz.

Wie dieses technische Hilfsmittel, das Messpunkte im Gelände mittels Lasertechnik aufnehmen und über eine Spezialsoftware zeichnerisch umsetzen kann, genau funktioniert, demonstrieren Archäologiestudenten des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte während der Langen Nacht der Wissenschaften. Wer ihnen über die Schulter schaut, wird nebenbei auch seine eigenen Vorstellungen davon, was Archäologie heute ist und will, überprüfen können.

Lange beschäftigten sich Archäologen bevorzugt damit, der Erde möglichst schöne und wertvolle Dinge zu entreißen, die im Museum oder auf dem Kunstmarkt landeten.

Moderne Grabungsmethoden entwickelten sich allerdings schon vor dem Ersten Weltkrieg. Mit ihnen verlor die Archäologie ihre räuberische Unschuld. Heute stehen nicht mehr die Fundstücke, sondern die Befunde am Grabungsort, kurz: wie ein Stück in der Erde vorgefunden wird und wie es sich zu anderen Funden verhält, im Mittelpunkt des Interesses. Aus Schatzsuchern sind Beobachter des Grabungskontextes geworden, die jeden Scherbenfund akribisch dokumentierten, um ihn später mit Blick auf das Ganze interpretieren zu können. Ausgrabungen entwickeln sich zunehmend zu multidisziplinären Forschungsvorhaben, die geophysikalische Prospektionen, die Auswertung von Luftbildern, naturwissenschaftliche Datierungsmethoden und archäozoologische Erkenntnisse einbeziehen.

Das Tachyometer verdankt seinen Einsatz in der Archäologie allerdings eher vergleichbaren technischen Anwendungen in der Architektur und Vermessungstechnik. Claudia Theune- Vogt vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der Humboldt-Universität ist stolz darauf, dass ihre Studenten schon jetzt an so einem Gerät lernen können. Im archäologischen Alltag, etwa bei den Archäologischen Landesbehörden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, mit denen der Lehrstuhl bei seinen Grabungsprojekten kooperiert, beginnen sich die 30000 Euro teuren Geräte gerade erst durchzusetzen. Auch sonst bietet das kleine Fachgebiet am Institut für Geschichtswissenschaften, das unlängst zwar positiv evaluiert wurde, dessen Fortbestand jedoch universitätsintern in Frage steht, eine betont praxisbezogene Ausbildung für beinahe 300 Studenten.

Hightech in der Archäologie: Hauptgebäude der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, Seitenfoyer, erster Stock

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