Zeitung Heute : Virtuelle Ferienwelten

REINHARD KUNTZKE

Holiday Island heißt ein Computerspiel für den heimischen PC.Die CD-ROM enthält sieben Szenarien für eine virtuelle Urlaubswelt irgendwo in der Karibik.Es gilt, nach den Gesetzen der Tourismusindustrie unberührte Inseln in künstliche Ferienlandschaften zu verwandeln.Ziel der Wirtschaftssimulation ist die Gewinnmaximierung des Startkapitals, das zehn Millionen Mark beträgt.

Hotelanlagen und Bungalowsiedlungen müssen hochgezogen, Straßen und Flugplätze gebaut werden.Die imaginären Urlauber erwarten Restaurants und Supermärkte, Tennisplätze, Surfstationen, Strandkörbe und Diskotheken.Ein Mausklick auf den Button "Bestechen" beschleunigt unbürokratisch die geplanten Bauvorhaben.Liegen aber die Unterkünfte in der Einflugschneise, fehlen ausreichende Kläranlagen oder ist die Energieversorgung nicht gesichert, sinkt sofort die Attraktivität des Ferienparadieses.Die Urlauber bleiben aus, und die Bilanzkurve, die stets in einem Zusatzfenster aufgerufen werden kann, rutscht in den Keller.

So weit, so realistisch.Aber was passiert, wenn wir im virtuellen Spiel auf die Ideen des Sanften Tourismus setzen? Läßt sich das Programm austricksen? Probieren wir es aus! Als erstes müssen die drei Hotels dran glauben, die im Anfangsszenario vorgegeben sind.Die Betonklötze sind mit 62 Prozent sowieso nur mäßig ausgelastet.Ein Klick auf das Symbol mit der Abrißbirne, und die drei Herbergen verschwinden mit lautem Tosen vom Bildschirm.Die Zerstörungsaktion kostet allerdings 300 000 Mark.Die Grünen im Bundestag wollen den Ferienflugverkehr drastisch reduzieren.Machen wir es ihnen nach und sprengen den Inselflughafen in die Luft! Für läppische 100 000 Mark haben wir uns köstliche Ruhe erkauft.Dafür sind jetzt nur noch 53 Urlauber auf unserer Insel.Tief fallen wir in die Verlustzone.Geld muß her.Kein Problem.Die virtuelle Bank gewährt uns großzügig einen Kredit über zehn Millionen Mark.Soweit die Menüleiste des Spiels unseren grünen Träumen überhaupt Optionen bietet, können wir nun unser Eiland weiter ökologisch umgestalten.

Wir bauen einen zweiten Hafen, binden ihn in das Straßennetz ein, errichten drei Campingplätze und ein paar Häuschen im landestypischen Stil, eröffnen zwei Fahrradverleihe und einen kleinen Laden.Dazu einige Grünanlagen und eine zweite Müllkippe.Summa summarum investieren wir gut 1,5 Millionen Mark für die sanfte Tourismusentwicklung.

Aber irgend etwas läuft immer noch schief.Trotz aller Anstrengungen haben sich nur 143 Feriengäste auf unsere Insel verirrt.Vielleicht sollten wir den Werbeetat erhöhen, um eine Anzeige im Tagesspiegel zu schalten.Gesagt, getan.Die Schar der Urlauber wächst! Wir können weiter expandieren und auch die Nachbarinseln nach ökologischen Kriterien erschließen.Nach zehn Jahren, der Ferientag auf Holiday Island dauert nur ein paar Sekunden, haben wir den Kredit getilgt und 6,5 Millionen Mark angehäuft.Und jeden Tag wächst unser Kapital um weitere 600 000 Mark, ohne daß wir einen Finger rühren müssen.

Offenbar haben wir eine lukrative Marktnische entdeckt, die wir dem Programmierer des kleinen Kapitalistenspiels umgehend mitteilen werden.

Sunflowers GmbH, Holiday Island, 29,95 Mark; http://www.sunflowers.de/german/frames.htm ; Vertrieb über Infogrames Deutschland: http://www.infogrames.de ; Systemvoraussetzungen:Mindestens 486er mit 66 MHz, 8 MB RAM, Windows 3.X oder höher.

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