Zeitung Heute : Virtuelle Kaffeetassen und Mäuse auf unsichtbarem Glatteis

GUNTER BECKER

Film- und Kunsthochschulen zeigen beim transmedia-Festival ihre Multimedia-Projekte / Lehrkonzepte und Öffentlichkeitsarbeit VON GUNTER BECKER"Ist da unten überhaupt noch jemand?": Claudius Lazzeroni, Medienlehrer an der Berliner Hochschule der Künste, grinst nach seinem Vortrag gespielt unsicher in den dunklen Zuschauerraum.Auf Einladung des transmedia-Festivals, des früheren Videofestes, das zur Zeit im Kulturzentrum Podewil stattfindet, hat er gerade seine Vision einer "Grundlehre für neue Medien" vorgestellt ­ und damit keinesfalls gelangweilt.Der ehemalige Mitarbeiter der Multimediaagentur Pixelpark fordert eine Rückbesinnung auf die "Wahrnehmungslehre" und mehr Experimente bei der Medienausbildung. Daß Studenten nach "zwei Semestern lieber Homepages für Suppenfabrikanten" entwerfen, um möglichst nahtlos eine Multimedia-Karriere einzufädeln, hält er für eine Sackgasse.Deshalb hat er in einem Seminarprojekt des HdK-Fachbereichs "Gestalten mit digitalen Medien" die Studierenden an das Thema "Ortsbestimmungen" gesetzt.Entstanden sind poetische und pragmatische Multimedia-Arbeiten wie etwa Ralph Ammers "Baum": Eine alte Platane am Potsdamer Platz wird zum Ausgangspunkt einer digitalen Entdeckungsreise in Raum und Zeit.Ihre Jahresringe verwandeln sich beim Anklicken mit der Maus in ein digitales Geschichtslexikon.Mit abgespeicherten Videoaufnahmen kann man ihr Inneres als Unterschlupf eines Obdachlosen kennenlernen. Als weiteres Beispiel für den experimentellen Umgang mit den digitalen Medien, zeigt Lazzaroni die Seminararbeit "Tasse" von Tobias Schmidt.Eine Kaffeetasse kann auf alle möglichen und unmöglichen Arten untersucht und bewegt werden.Versucht man Schmidts Tassen dann mit der Maus zu packen und zu bewegen, entwickeln sie ganz eigensinnige Bewegungsabläufe, weichen dem Cursor aus, fangen an zu zittern, oder ziehen die Maus magnetisch an. Spielerisch und witzig probieren die HdK-Arbeiten ganz neuartige Methoden des Navigierens und der Benutzerführung in multimedialen Produktionen aus.Nach Lazzaronis scheinbar so "zweckfreien" Produktionen, präsentiert Andrea Zapp von der Potsdamer "Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf" (HFF), ein ganz bodenständiges Projekt aus ihrem Fachbereich "Neue Medien".Mit der CD-ROM "HFF@home" informieren die Babelsberger Studenten über ihr Studium und ihre Produktionen. In einem Mix aus "offiziellen" Informationen und den privaten Statements der Studenten, die ihre Erfahrungen und Tips in Form von Quicktime-Videos und Klangdateien eingebracht haben, entsteht ein reizvolles multimediales Mosaik.Einer Cutterin kann man in einer animierten Fotosequenz bei der Arbeit zusehen (und zuhören).Tonleute berichten und demonstrieren in abgelegten Filmen und Interviews, wie sie die verblüffenden Soundeffekte in einer HFF-Produktion kreiert haben.So entwickelt sich ein Dialog zwischen Kameraleuten, Bühnenbauern und Schauspielern, die an denselben Produktionen arbeiten und ihre Erfahrungen mit Hyperlinks verknüpft haben.Multimedia als Öffentlichkeitsarbeit und Lehrkonzept.Infos im Internet unter

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben