Zeitung Heute : Virtuelle Popstars auf dem Vormarsch

CHRISTOPH DERNBACH

Ein Kunstwesen aus Bit und Bytes soll die internationale Pop-Szene aufmischen."E-Cyas" heißt der künstlich erschaffene Popstar, der auf Gruppen wie Kraftwerk und Underworld steht, Dummheit und Machos haßt und nicht nur deutsch spricht, sondern auch englisch und französisch parlieren kann.Die Schöpfer der Kunstfigur von der württembergischen ID-Gruppe, einer Multimedia-Agentur, haben große Pläne."E-Cyas" (Electronic Cybernetic Artifical Superstar) soll Stars aus Fleisch und Blut beim Sturm auf die Hitparaden Konkurrenz machen.

Bei "E-Cyas" (sprich: Ih-Seijas) handelt es sich um einen sogenannten Avatar, einen digitalen Kunstmenschen, der in virtuellen Welten und Datennetzen lebt.Seine Adresse im Internet lautet: www.e-cyas.de .Das Wort "Avatar" kommt übrigens aus dem Indischen und bedeutet "Herabkunft".Im Buddismus sind Avatare Götter, die zu den Menschen herabgestiegen sind.Im Zeitalter des Internets werden Avatare in der Regel dazu benutzt, um in dreidimensionalen Unterhaltungsrunden (3D-Chat-Rooms) Menschen zu repräsentieren."E-Cyas", der von der ID-Gruppe in einer mehr als 13monatigen Arbeit aus 60 000 Polygonen (Vielecken) zu einem fotorealistischen Abbild eines Menschen zusammensetzt wurde, hat aber kein Pendant im wirklichen Leben.

Der Unterschied zwischen realer Welt und Fiktion ist in den Augen von Bernd Kolb, Geschäftsführer der ID-Gruppe, in der heutigen Pop-Landschaft ohnehin nur schwer auszumachen: "Sind denn Gruppen wie die Spice Girls oder die Back Street Boys nicht auch auf Erfolg programmierte Kunstfiguren?", fragt der "E-Cyas"-Macher.Die Suche nach der wahren Realität und Identität soll auch das zentrale Thema der ersten Platte samt Musikvideo von "E-Cyas" sein: "Are you real?" (Bist Du echt?) lautet der Titel des Labels, das in Deutschland zur Computermesse CeBIT Home Ende August herauskommen soll.

"E-Cyas" ist nicht der erste Popkünstler im Cyberspace: Bereits 1996 stellte die japanische Musikagentur Hori Productions "Kyoko Date" (sprich: Da-they) vor, eine schlanke 17jährige japanische Schönheit, die im TV Musiksendungen moderierte und selbst auch eine Musik-CD veröffentlichte.Die Platte und das Video des virtuellen japanischen Schlagergirlies verkaufte sich bislang allerdings nur rund 50 000 mal, viel weniger, als von den Machern erhofft.

Im Herbst wollen die Japaner einen neuen Versuch wagen und eine virtuelle Band erschaffen.Star in dem Trio soll "Busena" sein, ein hübsches Mädchen mit rotem Top, freiem Bauchnabel und einem kunstvollen Tattoo auf der Schulter.Im Gegensatz zu "Kyoko Date" wird "Busena" keinem bestimmten Kulturkreis zuzuordnen sein, sondern soll Jugendlichen in aller Welt als Identifikationsfigur dienen.Für "Busena" und ihre Band sind sechs Singles sowie fünfminütige Videoclips geplant, die Musik soll von Cozy Kubo, einem bekannten japanischen Komponisten, geschrieben werden.Das Erfolgsrezept von "Busena" verriet Erschaffer Makoto Kato in einem Interview mit einer Computerzeitschrift: "Tattoos sind mittlerweile überall beliebt, lange Beine und viel Busen sowieso.Und wem das nicht paßt, der kann sich sein Idol so gestalten, wie es sein Herz begehrt."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben