Zeitung Heute : Virtuelle Rathäuser mit Publicity-Lücke

Deutschland II: Die Online-Auftritte der Großstädte sind außerhelb des Netzes häufig unbekannt

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Von Christian Blees

Helmut Mustermann hat das ganze Wochenende über Möbel geschleppt, Kisten ausgepackt und Schränke eingeräumt. Der körperlich anstrengende Teil des Umzugs in seine neue Heimatstadt Essen liegt damit hinter ihm. Was aber noch aussteht, ist der übliche Papierkram. Doch der drohende Behördenmarathon bleibt dem frischgebackenen Essener mit Hilfe des Internets erspart. Denn als Mustermann die Adresse www.essen.de aufruft, warten dort in der Rubrik „Rathaus & Service“ gleich fünf Dutzend verschiedene Formulare als PDF-Dokumente zum Download auf ihn – wie etwa die vom Wohnungsgeber zu unterzeichnende Einzugsbestätigung, der Antrag auf Lohnsteuerkarte oder die „Parksondergenehmigung für Anwohner“. Den Wunsch nach kostenloser Abholung des beim Umzug angefallenen Sperrmülls kann der Zugezogene sogar formlos per E-Mail ans Rathaus senden.

„Die Integration der Dienstleistungen sowohl von stadteigenen Services, als auch von privatisierten Angeboten und Dienstleistungen der Landesbehörden auf www.essen.de ist insgesamt sehr durchdacht“, lobt Norbert Eder. Wie Helmut Mustermann zeigt sich auch der Sprecher der Initiative D21, mit der rund 300 Unternehmen und Institutionen den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft beschleunigen wollen, von dem virtuellen Verwaltungsangebot der Stadt Essen begeistert. Kein Wunder, dass die Ruhrpott-Metropole in der kürzlich vorgestellten D21-Studie „E-Town 2002“ in der Kategorie „E-Administration“ auf dem ersten Rang landete. Untersucht worden waren alle deutschen Städte mit mindestens 100 000 Einwohnern.

Würde Helmut Mustermann indes lieber Kommunalpolitikern via Internet bei ihrer Arbeit genauer auf die Finger schauen, dann hätte er seinen Wohnsitz eher in die baden-württembergische Landeshauptstadt verlegen sollen. Denn wer www.stuttgart.de anklickt, ist stets aktuell über das politische Geschehen vor Ort informiert, ohne dafür die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Egal, ob Sitzungskalender, Tagesordnungen, Beratungsunterlagen oder Sitzungsprotokolle des Gemeinderates – sämtliche Dokumente sind online verfügbar.

Geld ist nicht das einzige Problem

„Bei uns sind in den einzelnen Fachämtern der Gemeindeverwaltung insgesamt 70 Editoren damit beschäftigt, laufend aktuelle Dokumente und Texte aus ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich selbstständig in die zentrale Datenbank einzupflegen“, benennt Internet-Projektleiter Ralf Armbruster einen der Gründe, warum www.stuttgart.de in der zweiten, mit „E-Democracy“ betitelten Kategorie der Studie ganz vorne rangiert. Doch trotz eines recht üppigen Etats von 900 000 Euro für die ersten drei Jahre und der zahlreichen beteiligten Mitarbeiter sieht Armbruster die Ressourcen seiner Verwaltung inzwischen erschöpft: „Stuttgart besteht auch aus einem reichhaltigen Kulturleben, aus Vereinen und privaten Initiativen, für die es innerhalb der Administration keine direkt zuständigen Mitarbeiter gibt.“ Die Vielfalt der Stadt ausschließlich mithilfe städtischer Manpower möglichst komplett online abzubilden, sei insofern „schlichtweg unmöglich“.

Das und wie dies auch mit einem deutlich geringeren Etat funktioniert, zeigt unter anderem die ebenfalls in der Kategorie „E-Democracy“ weit vorne platzierte Stadt Halle an der Saale. „Bei uns herrschte von Beginn an Ebbe in der Kasse“, erinnert sich der städtische Pressesprecher Dirk Furchert an den Online-Start im Jahre 1997. So habe die Stadtverwaltung von vornherein ein Public Private Partnership favorisiert – mit Erfolg: Zwar steuert der städtische Fachbereich „Medien und Kommunikation“ durchaus redaktionelle Verwaltungs-Inhalte wie Formulare und Stadtplanungsunterlagen bei. Doch wird die Domain www.halle.de in ihrer Gesamtheit von einem externen privaten Dienstleister betreut. Als „menschliche Schnittstelle“ hat die Stadt innerhalb der eigenen Verwaltung lediglich eine einzelne Online-Redakteursstelle eingerichtet.

D21-Sprecher Norbert Eder sieht indes durchaus noch Verbesserungsmöglichkeiten, selbst bei solchen Kommunen, die in einzelnen Kategorien auf den vorderen Plätzen rangieren: „Die Untersuchung hat ergeben, dass es oft eine große Lücke zwischen Angebot und Nachfrage gibt. Viele Bürger wissen gar nicht, dass in ihrer Stadt ein gutes Angebot im E-Government existiert.“ Informations- und Marketingkampagnen müssten daher „integraler Bestandteil“ eines erfolgreichen Webauftritts sein. „Es reicht nicht, ausschließlich online für das eigene virtuelle Rathaus zu werben. Das muss unbedingt auch über herkömmliche Werbeträger, wie Flyer oder Zeitungsanzeigen, passieren.“

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