Zeitung Heute : Virtueller Ausbruch ins Internet

MAREN PETERS / KURT SAGATZ

Die Atmosphäre ist seltsam unwirklich: Der Raum, der auch ein Fabrikloft sein könnte, ist in weiches Licht getaucht.Vorn auf der Bühne, wo eben noch die zwei-Mann-Band eine paar muntere Klänge zum Auftakt spielte, steht jetzt Moderator Olaf Heimschel, der das Geschehen auf der Leinwand hinter ihm so professionell begleitet, als handele es sich hier um eine x-beliebige Software-Präsentation.Allein seine Worte machen stutzig.

"Hier können Sie den normalen Weg des Häftlings verfolgen: Einlieferung 6.30 Uhr in Haus eins, Ausstellung des Hausausweises und Ausgabe der persönlichen Sachen in der Hauskammer", erklärt der Mann vom Theaterprojekt "Kunst&Knast".Die Projektion, die er da vorn vor rund 30 Journalisten und ebensovielen Häftlingen vorstellt, ist die erste Knast-Homepage Deutschlands.Im Kulturraum der Justizvollzugsanstalt Tegel (JVA) wurde die Web-Seite " www.planet-tegel.de " am Freitag abend im Kulturraum offiziell "eröffnet"."Mit dem Projekt wollten wir die Existenz von Menschen sichtbar machen, die für eine Weile in die Verborgenheit des Gefängnisses abgetaucht sind," sagt der Berliner Regisseur und Künstler Roland Brus, der das Projekt gemeinsam mit dem Kölner Multimedia-Designer Michael Henning im Rahmen eines Stipendiums der Stuttgarter Akademie Schloß Solitude entwickelt hat.

Das Gefängnis, sagt er, sei wie Planet, der um das "normale" Leben kreise, "ein Planet mit eigenen Regeln, einer eigenen Architektur und einem eigenen Zeitablauf".Wie genau dieser Planet funktioniert, welchen Regeln und Besonderheiten er unterworfen ist, dokumentiert die Homepage auf sehr beeindruckende und spannende Weise.Schon die Struktur der Site ist mit einem Hauptgang, von dem viele Nebengänge abzweigen, eine Metapher auf das Gefängnis Tegel.Wie ein realer Häftling kann auch der virtuelle Besucher des Gefängnisses sich einen "Gang" aussuchen und durch ihn zu den verschiedenen "Häusern", in diesem Fall den einzelnen Menupunkten, spazieren.

Einen - auch mit zahlreichen Bildern dokumentierten - Überblick über die Geschichte dieses größten Gefängnisses Deutschlands, in dem derzeit über 1660 Männer einsitzen, gibt der Menupunkt "100 Jahre Tegel".Berühmte Menschen wie Bubi Scholz, Carl von Ossitzki und der "Hauptmann von Köpenick" haben hier einen Teil ihres Lebens verbringen müssen - warum, das kann der virtuelle Besucher unter dem Stichwort "Stars&Knast" nachlesen.Geläufige Wörter aus dem Gefängnis-Jargon wie "Kampfanzug" (Schlafanzug), "Mulle" (zarter Junge) oder "NATO-Kitt" (Kartoffelbrei) erläutert ein Wörterbuch.

Ein Klick auf den Menupunk "Zeichen" leitet zu spannenden Einblicken in die Besonderheiten des "Planeten Tegel".Eine davon ist das Tätowieren.Detailliert wird hier beschrieben, wie die Gefangenen sich die bunten Tattoos beibringen.Sogar eine Bauanleitung für eine Tätowiermaschine (bestehend aus einem Walkman-Motor und einer Kugelschreiber-Mine) samt Bild haben die Autoren ins Netz gestellt."Leider haben wir niemanden gefunden, der das Thema Sexualität im Knast thematisiert", bedauert Moderator Olaf Heischel."Körperlicher Kontakt, Berührungen sind es, die viele von uns hier am meisten vermissen", bestätigt der 26jährige Sebastian, der von seinen zehn Jahren Freiheitsentzug wegen eines Banküberfalls mit Geiselnahme gerade dreieinhalb abgesessen hat.

Ein Gefangener, der von sich selbst sagt, daß er ein Gewalttäter ist und damit rechnet, im Jahre 2002 oder 2003 in den offenen Vollzug zu kommen, erhofft sich von der Homepage, daß die Welt draußen ein differenzierteres Bild vom Leben in einem Gefängnis erhält."Es stimmt einfach nicht, daß alle Gefängnisse einen Swimming-Pool haben und der Aufenthalt einem Hotel gleicht," betont der Langzeitgefangene.Einige Bilder auf dem mit zahlreichen Illustrationen versehenen Netz-Angebot sind gleichwohl in der Lage, wieder dieses "falsche Bild" zu transportieren, denn die Luftaufnahme schräg über das Gelände der JVA Tegel mit den angrenzenden Wassergebieten - und dies noch mit schönsten blauen Himmel - haben nichts mit der Atmosphäre innerhalb der Altbauten der Anstalt Tegel gemeinsam.

Allein die Tatsache, daß in einem deutschen Gefängnis ein solcher Webauftritt mit professioneller Hilfe von außen entstehen konnte, vermittelt wieder dieses Bild eines Gefängnisses, in dem die Insassen kein allzu schlechtes Leben führen.Eine Zensur der Bilder ist dabei gar nicht nötig und hat, wie der Leiter der sozialpädagogischen Abteilung der Tegeler Justizvollzugsanstalt, Klaus-Dieter Blank, am Freitag versichert, auch nicht stattgefunden.Wie bei den anderen Aktivitäten sei nur ein Rahmen vorgegeben worden.Zudem seien die Bilder vor der Veröffentlichung im Netz unter anderem auch aus Gründen des Persönlichkeitsrechts "gecheckt" worden.Verständlich, denn nicht jeder Gefangene möchte sein Bild weltweit im Netz verbreitet sehen, wenn er in nächster Zeit entlassen wird und sich draußen ein "geregeltes Leben" aufbauen will.

Das Interesse der Insassen an diesem Internet-Angebot, das schließlich im wahrsten Sinne Mauern überwinden helfen könnte, hielt sich in Grenzen.Für die Arbeitsgruppe, die über drei Monate an je zwei Tagen in der Woche mehrere Stunden mit den neuen Techniken arbeiten konnten, gab es zwar mehr Bewerber als Plätze.Das Kontingent für die Pressekonferenz wurde jedoch bei weitem nicht ausgeschöpft.Die Anstaltsleitung hätte nach Angaben von Sozialpädagoge Blank aus allen sechs Häusern insgesamt 200 Gefangene zugelassen, tatsächlich nutzten jedoch nur 30 die Möglichkeit.Viele der Insassen hätten Berührungsängste gegenüber der neuen Technik, sagten Anwesende.

Ein Wunder wäre das nicht, denn außer im Rahmen einer Ausbildung haben die Gefangenen keinen Kontakt zum Computer.Auch auf ihre eigene Homepage werden sie keinen Zugriff haben.Aus Sicherheitsgründen bleibt "Planet-Tegel" offline.

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