Zeitung Heute : Visionen vom Kabelradio im Jahr 1887

Visionär:<br>Der amerikanische Journalist Edw

Looking backward: 2000-1887" heißt das wahrscheinlich erfolgreichste utopische Buch des 19.Jahrhunderts (deutsch: "Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887", Reclam-Verlag).Der Amerikaner Edward Bellamy (1850-1898) hat es 1888 veröffentlicht.Er beschreibt darin, wie ein junger Mann 1887 im Keller seines brennenden Hauses verschüttet und mehr als ein Jahrhundert später, im Jahr 2000, wiederbelebt wird und in eine anscheinend perfekt sozialistisch organisierte Gesellschaft gerät.Seine Gastgeberin Edith führt ihn in ihr Musikzimmer

Ich folge ihr in einen Raum, welcher ganz in Holz ausgelegt war, ohne Tapeten, auch der Boden von poliertem Holze.Ich hatte mich auf ganz neue Arten von Instrumenten gefaßt gemacht; aber ich sah nichts in dem Zimmer, was man selbst mit der größten Einbildungskraft dafür hätte halten können.Es war augenscheinlich, daß mein verdutztes Aussehen Edith höchlichst amüsierte.Sie ließ mich Platz nehmen, durchschritt das Zimmer und berührte nur, soviel ich sehen konnte, eine oder zwei Schrauben: und sofort ward das Zimmer durch die erhabenen Töne eines Orgelchors erfüllt - erfüllt, nicht durchbraust, denn in irgendeiner Weise war die Stärke des Klangs genau der Größe des Raums angepaßt worden.Ich lauschte, kaum atmend, bis zum Ende.Solche Musik, mit solcher Vollkommenheit vorgetragen, hatte ich nie zu hören erwartet."Herrlich!" rief ich aus, als die letzte große Schallwelle langsam verklungen war."Ein Bach muß diese Orgel gespielt haben, aber wo ist die Orgel?"

"Bitte warten Sie noch einen Augenblick", sagte Edith, "ich möchte Sie gern noch diesen Walzer hören lassen, bevor sie irgendwelche Fragen stellen.Ich halte ihn für ganz reizend", und wie sie das sagte, erfüllten Violinentöne das Zimmer mit dem Zauber einer Sommernacht.Als auch der Walzer geendet hatte, sagte sie: "Bei der Musik ist nicht das mindeste Geheimnisvolle, wie Sie anzunehmen scheinen.Sie stammt nicht von Feen und Elfen, sondern von guten, ehrlichen und außerordentlich geschickten Menschenhänden.Wir haben einfach den Gedanken der Arbeitsersparnis durch Zusammenwirken, wie auf alles andere, so auch auf die Musik übertragen.Es gibt in der Stadt eine Anzahl von Musiksälen, deren Akustik den verschiedenen Arten von Musik vollkommen angepaßt ist.Diese Säle sind durch Telephon mit allen Häusern der Stadt verbunden, deren Bewohner den geringen Beitrag zahlen wollen - und man kann sicher sein, daß es keinen gibt, der das nicht tut.Das Musikkorps, welches zu jedem Saale gehört, ist so zahlreich, daß das Tagesprogramm, obwohl jeder einzelne Musiker und jede Gruppe derselben nur einen kleinen Teil auszuführen hat, doch die vollen 24 Stunden ausfüllt.Auf der heutigen Karte werden Sie, wenn Sie sich dieselbe näher ansehen, je ein Programm von vier solchen Konzerten bemerken, deren jedes eine besondere Musikgattung vertritt und zu gleicher Zeit mit den anderen stattfindet; und jedes der vier Stücke, welche jetzt gespielt werden, können Sie hören, wenn Sie bloß auf den Knopf drücken, dessen Draht Ihr Haus mit dem Saale, in welchem es gespielt wird, in Verbindung setzt.Die Programme sind so zusammengestellt, daß die Stücke, welche in den verschiedenen Sälen gleichzeitig gespielt werden, gewöhnlich eine Auswahl gestatten nicht nur zwischen Instrumental- und Vokalmusik und den verschiedenen Arten von Instrumenten, sondern auch zwischen den einzelnen Motiven, von den ernsten bis zu den heiteren, so daß jeder Geschmack und jede Stimmung befriedigt werden kann.(...) Ich konnte mir nie recht vorstellen, wie diejenigen unter Ihnen, denen die Musik überhaupt ein Bedürfnis war, das altmodische System, es zu befriedigen, ertragen konnten.Eine wirklich hörenswerte Musik muß, denke ich, den Massen völlig unzugänglich und den Meistbegünstigten nur gelegentlich erreichbar gewesen sein, mit großen Unbequemlichkeiten, erstaunlichen Kosten, und dann jedesmal nur während einer kurzen Zeit, welche von jemand anders willkürlich festgesetzt wurde, und in Verbindung mit unerwünschten Umständen aller Art.Ihre Konzerte zum Beispiel und ihre Opern! Wie schrecklich muß es gewesen sein, um eines oder zweier Musikstücke willen, die Ihnen gefielen, stundenlang dazusitzen und Sachen anhören zu müssen, an denen Ihnen nichts gelegen war! Bei Tisch nun kann man die Gänge, an denen einem nicht gelegen ist, vorübergehen lassen.Wer würde jemals, wie hungrig er auch wäre, an einer Mahlzeit teilnehmen, wenn er gezwungen wäre, alles zu essen, was auf die Tafel kommt? Und ich bin sicher, des Menschen Gehör ist ganz so empfindlich wie sein Geschmack.Ich meine, es waren diese Schwierigkeiten, wirklich gute Musik zu erlangen, welche Sie bei sich zu Hause soviel Spielen und Singen von Menschen ertragen ließen, die nur die Anfangsgründe der Kunst besaßen."

"So ist es", erwiderte ich, "für die meisten von uns gab es entweder diese Musik oder gar keine."

"Ach ja!" seufzte Edith, wenn man es recht bedenkt, ist es nicht so sonderbar, daß die Menschen in jenen Tagen allgemein kein Interesse für die Musik hatten.Ich muß sagen, ich würde sie auch verabscheut haben."

"Habe ich Sie recht verstanden?" fragte ich, "daß dieses Musikprogramm sämtliche vierundzwanzig Stunden ausfüllt? Nach dieser Karte scheint es allerdings so; aber wer wird denn, sagen wir, zwischen Mitternacht und Morgen Musik hören wollen?"

"Oh, viele", erwiderte Edith."Wir nutzen alle Stunden aus.Aber selbst wenn die Musik von Mitternacht bis Morgen für niemand anders sorgte, so würde sie es doch für die Schlaflosen, die Kranken und Sterbenden.Alle unsere Schlafzimmer sind am Kopfende des Bettes mit einer Telefoneinrichtung versehen, wodurch sich jeder, der schlaflos ist, nach Belieben Musik verschaffen kann, wie sie seiner Stimmung entspricht."

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