Völkerverständigung mit Fußball : Die Zeichen am Himmel

Drei Fußballmannschaften aus Deutschland fahren nach Israel, eine Friedensreise, das Ziel ist: Völkerverständigung. Doch dann – unmerklich erst, dann unübersehbar – passiert etwas, das die Gäste überfordert.

Moritz Rinke[Tel Aviv]
Gaza Luftangriff
Ein Krieg schiebt sich ins Bild: Israelischer Apache-Helikopter über dem Norden von Gaza. -Foto: dpa

Die Kampfflugzeuge, die an der Küste und am Strand von Tel Aviv vorbeiflogen, fielen irgendwie aus dem Bild. Unten im Meer standen Profifußballer und deutsche fußballspielende Schriftsteller im Auftrag des DFB, kühlten ihre Waden auf Anraten des Mannschaftsarztes und waren eher mit der Regeneration beschäftigt als mit der israelischen Luftwaffe.

Es war der letzte Tag der brüchigen Waffenruhe. Die Hamas hatte sie am Vormittag für offiziell beendet erklärt, am Nachmittag schlugen Raketen im Süden Israels ein, hieß es, doch dieser Konflikt passte nicht in die Friedensmission der deutschen Delegation.

Ein paar Tage zuvor werden am Flughafen in Tel Aviv drei deutsche Mannschaften begrüßt wie Staatsgäste. Angeführt von DFB-Präsident Theo Zwanziger stehen 30 Profis von Borussia Mönchengladbach in der Ankunftshalle, alle in schwarz-grünen Anzügen. Daneben 20 Nachwuchsspieler der deutschen Nationalmannschaft der U 18, alle in weißen Traininganzügen. Dahinter 20 Schriftsteller der Autoren-Nationalmannschaft, die es wirklich gibt, im Volksmund mittlerweile „Autonama“ genannt, alle in roten – den elegantesten – Jacken der Delegation. Es ist rotes Tuch vom Designer, der auch die Squadra Azzurri ausstattet, mit „Writers League“ hinten drauf und Sternen. Manche der Autorenspieler haben Bücher über Israel, über die Shoah unterm Arm und sich auf eine Begegnung vorbereitet mit israelischen Autoren, es geht um ein besonderes, vielleicht schwieriges Verhältnis; es geht um eine Literatur der dritten Generation nach dem Holocaust, es soll sogar miteinander Fußball gespielt werden, eigentlich hauptsächlich. Wenn man Fußball spielt, so haben die israelischen und deutschen Autoren herausgefunden, kann man alles für ein paar Stunden vergessen – zuletzt spielten sie im Mai in Berlin auf dem Olympiagelände mit- und gegeneinander, wo die Nazis 1936 ihre Spiele inszenierten.

Sogar Lothar Matthäus ist da. Er ist ganz still

Zur deutschen Delegation gehört auch Mathias Hirsch, der Enkel des jüdischen Fußballers Julius Hirsch. Sieben Mal spielte der Stürmer des Karlsruher FV vor dem Ersten Weltkrieg für Deutschland und nahm 1912 für sein Land an den Olympischen Spielen in Stockholm teil. Beim Länderspiel gegen Holland in Zwolle, das bis dahin als bestes Spiel einer deutschen Mannschaft galt, schoss Hirsch vier Tore. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er, der noch im Ersten Weltkrieg gedient hatte, am Rande von Karlsruhe zur Zwangsarbeit verpflichtet und im März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Zum Gedenken an den jüdischen Nationalspieler stiftete der DFB 2005 den „Julius-Hirsch-Preis“, der jedes Jahr das Engagement gegen Rassismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit auszeichnet.

Der erste offizielle Termin der Delegation ist die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem, westlich des Herzlberges. Es ist vielleicht der stillste Moment der Reise als die Jugendlichen, Fußballprofis und Schriftsteller im Children’s Memorial durch den Korridor aus Spiegeln und Kerzen gehen, die sich wie ein Sternenhimmel, wie ein funkelndes All aus Lichtern für die ermordeten Kinder über einem ausbreiten, während eine endlose Reihe von Namen aufgezählt wird, es waren allein anderthalb Millionen Kinder, die durch die Nazis umkamen.

Sogar Lothar Matthäus, der mit zur Delegation gehört – er ist ganz still und gibt ausnahmsweise einmal keine Interviews. Der letzte Raum der Gedenkstätte ist eine Art großes Terrassenfenster, das einen Blick auf Hügel und Olivenhaine Jerusalems zeigt. Dieses Fenster zum „Heiligen Land“, das sich ganz am Ende des Holocaust-Museums befindet, ist mit „Hoffnung“ überschrieben. Ein schöner Ausblick. Wieder fliegen israelische Kampfflugzeuge durchs Bild, mitten durch den Ausschnitt und über die Olivenhaine hinweg in Richtung Süden des Landes.

Griechisch-orthodoxe Pilger, Armenier, syrische Jakobiten, Katholiken - alle durcheinander

Die drei Mannschaften laufen durch das Jaffa-Tor und besichtigen das alte Jerusalem. In der Grabeskirche steht der kleine, schmächtige Spieler Marko Marin von Borussia Mönchengladbach mit seinem doppelt so großen und breiten Trainer Hans Meyer vor der Grabkammer von Jesus. Um sie herum griechisch-orthodoxe Pilger, Armenier, syrische Jakobiten, Katholiken, alles durcheinander, dazwischen der deutsche Schriftsteller Norbert Kron, der gerade dem Gladbacher „Fohlen-TV“ erläutert, dass an der Stelle, wo Marin und Meyer sich gerade befinden, die Engel die Auferstehung verkündeten. Auf der Via Dolorosa, dem Leidensweg Christi, erkundigen sich Touristen nach den Mannschaften, die immer noch rot und weiß sowie schwarz-grün durch die engen, steinigen Gassen ziehen. Meyer, der Trainer der Profis, stellt sich auffallend gern zu den Schriftstellern. Das hat seine Gründe, er kennt sie alle, er hat sie sogar teilweise gelesen.

„Die Mannschaft habe ich mit gegründet und trainiert“, erklärt er einem deutschen Touristen, der sich erkundigt, wer die Roten sind. „2005 bin ich sogar mit denen Vize-Weltmeister in Italien geworden.“

„Und wie spielen die?“, will der Mann wissen.

„Immer besser! Das ist die Mannschaft mit der rasantesten Entwicklung in Deutschland, vor drei Jahren trainierten die noch auf einem Kartoffelacker in Brandenburg, jetzt sind sie ein DFB-Team.“

Er klopft dabei anerkennend dem Autor Wolfram Eilenberger auf die Schulter, er hat früher in der 2. Finnischen Division bei Kupittaan Allianssi gespielt, demnächst erscheint sein neues Buch „Kleine Menschen, große Fragen“.

„Herr Meyer, dann muss man die wohl mit Hoffenheim vergleichen“, sagt der deutsche Tourist, allerdings wirkt dessen Frau immer genervter, sie will noch nach Bethlehem.

Ein Araber mit einem Karren voller grauer Propangasflaschen fährt eine steile Gasse der Al-Wad-Straße herunter, die deutschen Mannschaften springen schnell zur Seite und sehen dem Karren nach. Ein seltsames Bild an diesem Tag.

An der Klagemauer im Jüdischen Viertel steckt ein Großteil der 140-köpfigen Delegation seine Wunsch- und Klagezettelchen in die Fugen und Ritzen der Mauer aus Kalksteinen, die noch zum Großteil aus Herodes Zeiten stammen. Die Jugendlichen der U 18 stehen ganz fasziniert vor einer Gruppe orthodoxer Juden, die ihren Kindern beibringen, aus der großen Thorarolle zu lesen. Einige der jungen Deutschen erzählen sich immer noch, was sie in Jad Vaschem gesehen haben, für viele war es das erste Mal, dass sie eine solche Stätte besuchten. Zusammen mit der israelischen U-18-Mannschaft haben sie auch Blumen gekauft und auf die Gedenksteine gelegt.

Israelische und palästinensische Kinder entknoten gemeinsam ihre Drachen

Über Ost-Jerusalem sieht man wieder die Drachen steigen, meist sind es die Drachen israelischer und palästinensischer Kinder, die manchmal ineinanderfliegen, so dass sich die Kinder später gegenseitig die Drachen halten und die Leinen entknoten. So war es vor einem Jahr, als ich eine Zeit lang in Ramallah in der Westbank wohnte, und oft mit einer palästinensischen Autorin nach Ost-Jerusalem fuhr, wo sie mich zu den Kindern über den Dächern führte. Zuerst waren es immer die palästinensischen Kinder, die anfingen, ihre Drachen steigen zu lassen, dann kamen israelische Kinder dazu mit ihren Drachen. Einmal verhedderte sich ein vorbeieilender orthodoxer Jude in einer der Schnüre. Ein jüdisches Mädchen verfolgte mit strahlenden Augen die Flugbahn, bis eines der Kinder seine Hände nahm und sie vorsichtig um die Drachenschnur legte. Dann durfte das Mädchen den palästinensischen Drachen lenken. Es war so ein friedliches Bild.

Der DFB-Präsident sitzt mittlerweile im moslemischen Viertel vor einem Teller mit Hummus-Paste mit Sesammus und sagt, dass man nun jedes Jahr nach Israel reisen wolle, vor allem mit der U 18, weil somit jedes Jahr neue junge Deutsche nach Israel kämen. Dann bricht er mit dem gesamten DFB-Tross zum Schimon-Peres-Friedenszentrum auf, wo er einen Scheck überreicht, um mit Hilfe des Sports ein Programm mit israelischen und palästinensischen Kindern zu fördern.

Unter dem Motto „Goals for peace“ steht am Abend das Spiel von Borussia Mönchengladbach gegen Maccabi Netanja bei herrlichen Bedingungen, das Einzige, was fehlt, sind Tore. Lange steht es 0 : 0, bis Netanja doch noch durch einen Torwartfehler mit 1 : 0 gewinnt.

Ich schaue allerdings die meiste Zeit in den Abendhimmel über dem Stadion, doch es fliegen nur ein paar Zikaden.

Lothar Matthäus sorgt für Irritationen

Der Einzige, der für Irritationen sorgt, ist unten am Spielfeldrand Lothar Matthäus, der deutsche Trainer der Israelis. Er schreit bei einer umstrittenen Szene derartig die Schiedsrichter an, dass man abends im israelischen Fernsehen vom „typischen Deutschen“ spricht, es sei ja auch bekannt, dass er die Kellner in Restaurants schlecht behandele. Am nächsten Tag sind es ausgerechnet die israelischen Schriftsteller, die Matthäus verteidigen: Jeder Israeli behandele die Kellner schlecht, Matthäus normalisiere das deutsch-israelische Verhältnis nur, sagt Assaf Gavron, der Spielführer der israelischen Autoren-Nationalmannschaft und lächelt. Gavron – der auch ein Computerspiel mitentwickelt hat, das Wege aus dem Nahostkonflikt simuliert („Peacemaker“) – ist ohnehin guter Dinge. Bisher hatte seine Mannschaft erst ein Spiel und schon drei Trainer verschlissen, nun aber eben England mit 3 : 2 besiegt.

Gegründet hat sich das israelische Team anlässlich einer Einladung der DFB-Kulturstiftung nach Berlin, wo es im Rahmen der 60-Jahre-Israel-Feierlichkeiten gegen die deutsche Autorenmannschaft spielte, unter den Augen von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der sich persönlich für das Spiel und die anschließende Lesung eingesetzt hatte.

Steinmeier ist wie Zwanziger ein großer Fan der Writers League und erzählt eigentlich jedem seiner ausländischen Kollegen von der deutschen Autorennationalmannschaft, die er gern auf Reisen schickt. Vor Israel ging es nach Saudi-Arabien, und Steinmeier wäre auch jetzt am liebsten mitgekommen, wenn er nicht zum selben Zeitpunkt Amos Oz zu einer Lesung nach Berlin ins Auswärtige Amt eingeladen hätte. „Intellektuelle, die nicht nur im Kopf etwas beweglicher sind, das sind die wahren Vorbilder! Wenn sich Kulturen über Fußball und Literatur begegnen, dann ist das nicht nur schöner als die meisten politischen Reden, sondern oft auch viel besser für die Verständigung zwischen den Völkern“, heißt es bei Steinmeier. Das ist auch alles richtig. Nur nicht, wenn Deutschland gegen England spielt.

Das Spiel, ausgetragen im Stadion Ra’anana, wird wahrscheinlich in die Geschichte des Autorenfußballs eingehen als „Schlacht von Ra’anana“: Kniescheibenluxation, Mittelfußbruch, Handbruch, Muskelfaserrisse, man kann wirklich nicht sagen, dass es nach „Kultur“ aussieht. Georg Blochmann, der Leiter vom Goethe-Institut Tel Aviv, läuft an der Seitenlinie auf und ab und organisiert Eiskompressen, schon Mitte der ersten Halbzeit bricht Olliver Tietz, der Mann von der DFB-Kulturstiftung, mit zwei Spielern in ein Hospital auf.

Plötzlich fliegen Steine. Junge Araber schreien

Am nächsten Tag läuft der Rest der Autorenmannschaft, die noch länger in Israel blieb, durch Jaffa, den arabischen Stadtteil von Tel Aviv. Viele Künstler, Händler, enge Gassen, historischer Stadtkern. Es findet das „Festival aller Feiertage“ statt. Araber und Juden legen alle Feiertage des Dezember auf einen Tag zusammen und feiern: islamisches Opferfest, das jüdische Lichterfest Chanukka und das christliche Weihnachten. Jaffa erinnert mich an die palästinensischen und israelischen Drachen über den Dächern von Ost-Jerusalem.

Plötzlich fliegen Steine. Junge Araber schreien, die älteren halten sie fest, eine Gruppe versammelt sich um einen Fernseher. Bilder aus dem Gazastreifen: 60 israelische Kampfflugzeuge warfen tonnenweise Bomben ab, sie zerstörten die Infrastruktur der radikalislamischen Hamas. Vor den Fernseher hören die Araber und Juden an diesem Tag von 120 Toten, und es werden immer mehr – so viele Tote hat es seit 1967, seit dem Sechs-Tage-Krieg, seit der Besetzung des Gazastreifens nicht mehr gegeben.

Ich sehe auf den Fernseher und denke an die Flugzeuge über dem Meer, als wir auf unsere Waden und Beine starrten. Nun haben sie sich, die Kampfflugzeuge, ins Bild geschoben. Übermächtige israelische Streitkräfte, zusammenbrechende Frauen zwischen ihren toten Kindern in Gaza-Stadt – Bilder vom Fernsehsender Al Dschasira, die auch deutlich machen wie kompliziert, wie überfordernd für Deutsche solche Friedensreisen nach Israel sind.

Wenig später beginnen die Araber für die Toten zu beten, das Fest löst sich auf. Man hört die Stimme von Hamas-Chef Chalid Maschaal, der bereits von der „dritten Intifada“ spricht und von ganzen Serien von Selbstmordattentaten; man hört Ehud Barak, den israelischen Verteidigungsminister, der weitere Militärschläge der israelischen Luftwaffe ankündigt, später ist die Rede von Bodentruppen, von Mobilmachung der Armee.

Ich lege mein gegen England lädiertes Bein auf einen Stuhl in einem arabischen Café. Eben saß dort noch ein Israeli, jetzt ist der Stuhl frei. Es ist ziemlich grotesk. Zettelchen in die Klagemauer zu stecken, sich mit Engländern auf einem Fußballplatz in Israel krankenhausreif zu spielen und die Waden anschließend in das Meer zu halten, während man aus den Augenwinkeln Kampfflugzeugen nachsieht und sich über Hoffenheim unterhält. Ein bisschen ist es wie bei Ernst Jünger in seinen „Pariser Tagebüchern 1941-42“. Das Käferstudium am Rande der Kampfzonen, aber Jünger hatte noch nicht Al Dschasira.

Am Ende ruht dann das Bein in Jaffa auf einem arabischen Stuhl, der nur deshalb frei geworden ist, weil Krieg ist.

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