Zeitung Heute : „Völlig unfähig zur Arbeit im Team“

Der politische Lebensweg eines schwierigen Menschen

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Über Jürgen W. Möllemann gibt es zwei Sorten der Betrachtung: Die psychopathologische und die politische. Das liegt wohl daran, dass bei ihm wie bei kaum einem Politiker Wesen und Wirken zusammenhängen. Hermann Otto Solms’ Wort vom „Quartalsirren“ bringt drastisch auf den Punkt, was eine ebenfalls nicht ganz jugendfreie Redensart in der FDP mit der Wendung umschreibt: „Der reißt zuverlässig mit dem Arsch ein, was er mit den Händen aufgebaut hat.“

Dazu passen zwei etwas ernster zu nehmende Beobachtungen. Die eine stammt von einem FDPSpitzenmann, der ihn lange aus der Nähe erlebt und das Erlebnis zu der These destilliert hat, Möllemann sei nur fähig, sich zu unterwerfen oder sich zur Nummer Eins emporzuschwingen, aber völlig unfähig zur Gleichordnung im Team: „Sobald der über ihm die kleinste Schwäche zeigt, haut er drauf.“ Die andere Beobachtung hat der Psychoanalytiker und Gebärdenfachmann Ulrich Sollmann beigesteuert. Möllemann, der nicht nur Fallschirm springt, sondern auch boxt, wurde einmal in einer Fernsehsendung von dem Moderator Götz Alsmann herausgefordert. „Als Möllemann aber merkte, dass Alsmann gut boxen konnte, trat er ihm zwischen die Beine“, erinnert sich Sollmann. „Er ändert einfach die Spielregel.“

Das hat er oft getan: Vom Held hat er sich zum Opfer erklärt, vom Verfolger zum Verfolgten. Bis zum Vizekanzler hat es der am 15. Juli 1945 geborene FDP-Politiker gebracht. Den FDP-Vorsitz verfehlte er in einer Kampfabstimmung gegen Wolfgang Gerhardt 1995 knapp.

Der gelernte Lehrer war erst CDU-Mitglied, trat aber 1970 in die FDP ein und kam 1972 über die Landesliste Nordrhein-Westfalen in den Bundestag, dem er bis auf die Jahre 2000 bis 2002 angehörte. Von 1972 bis 1975 war er bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. 1980 gelang ihm der Sprung in den FDP-Bundesvorstand. 1982 wählte ihn die NRW-FDP zum stellvertretenden Landesvorsitzenden und ein Jahr später zum Vorsitzenden als Nachfolger von Burkhard Hirsch.

In die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl trat er am 4. Oktober 1982 als Staatsminister im Auswärtigen Amt ein. In diesen Jahren wurde der damalige Außenminister Hans–Dietrich Genscher sein Mentor. Möllemann, der als Erfinder des Frühmorgen-Interviews im Radio gelten darf, wurde Genschers „Minenhund“, der die öffentliche Reaktion auf neue Ideen antestete. 1983 wählte die Deutsch-Arabische Gesellschaft Möllemann zum Präsidenten. 1987 wurde er Bundesminister für Bildung und Wissenschaft. Er setzte damals starke Akzente mit einem Hochschulsonderprogramm und einer überdurchschnittlichen Steigerung des Bildungsetats.

Am 18. Januar 1991 wurde Möllemann dann Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler. Er blieb es nur zwei Jahre. Dann musste er zurücktreten, weil er auf amtlichem Briefpapier für den Einkaufswagen-Chip eines Verwandten geworben hatte. In der Folgezeit legte sich Möllemann vor allem mit der neuen Parteiführung unter Außenminister Klaus Kinkel an. Die Empörung über diese Dauer-Intrige kostete ihn 1994 den Landesvorsitz.

Doch Möllemann berappelte sich schnell. Sein Comeback auf Landesebene gelang 1996 bei seiner Wiederwahl zum NRW-Parteichef, nachdem er in einer kämpferischen Rede eigene Fehler eingeräumt hatte. Bei den Landtagswahlen im Jahr 2000 holte er mit 9,8 Prozent ein sensationelles Ergebnis, das fortan die Basis seiner Macht und den Ausgangspunkt des „Projekts 18“ bilden sollten, unter dessen Fahnen die FDP dieses Jahr in die Bundestagswahl zog. Am 15. Mai 2000 wählte die FDP-Fraktion im Düsseldorfer Landtag Möllemann zum Vorsitzenden, ein Jahr später wurde er Vize-Chef der Bundespartei. Alle Ämter hat er jetzt verloren. Seine Abgeordnetenmandate in Düsseldorf und in Berlin behält er weiter. nem/bib

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