Zeitung Heute : Volkes Diagnose

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat die Bürger zur Gesundheitsreform befragt. Die Mehrheit fürchtet höhere Beiträge und weniger Leistungen. Was sind die Gründe für dieses Ergebnis?

Rainer Woratschka

Schon für versierte Gesundheitspolitiker ist es ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Umso mehr Unsicherheit herrscht bei den Krankenversicherten: Verbessert der geplante Gesundheitsfonds im Jahr 2009 die medizinische Versorgung oder bringt er bloß noch mehr Reglementierung, Kosten und Bürokratie? Fest stehen bislang nur äußere Details: Dass das Geld der Beitragszahler künftig in einem zentralen Topf landet, dass das Kostenrisiko für die Kassen stärker ausgeglichen wird und dass es dann nur noch Einheitsbeiträge gibt, deren Höhe die Regierung festlegt.

Was das alles konkret bedeuten wird für das hochkomplexe System mit seinen Versicherten und Patienten, ist ungewiss. Entsprechend skeptisch sind die Menschen in diesem Land, wie nun eine Umfrage unter rund 2000 Bürgern ergeben hat. Zwei Drittel, so ermittelte das Institut Forsa, lehnen es ab, dass die Regierung den Beitragssatz festlegt. 71 Prozent befürchten, dass das System dadurch auf eine Einheitskasse zusteuert. Und drei Viertel mutmaßen, dass die Pläne der Koalition der Versichertengemeinschaft nicht weniger, sondern nur noch mehr Bürokratie bescheren. Hinzu kommen die üblichen Befürchtungen: dass die Beiträge weiter steigen (92 Prozent), dass der Leistungskatalog noch mehr eingeschränkt wird (66 Prozent) und dass die Qualität der medizinischen Versorgung sinkt (41 Prozent).

Für Forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner ist die Bewertung klar. Es handle sich um einen „blauen Brief“, meint er, „ein ausreichendes oder gar befriedigendes Zeugnis sieht anders aus“. Deshalb sei politische „Nacharbeit“ erforderlich. Das ist natürlich ganz im Sinne seines Auftraggebers. Der Chef der Techniker-Krankenkasse, Norbert Klusen, versichert zwar, dass es ihm nicht darum gehe, politischen Druck gegen den Gesundheitsfonds aufzubauen. Gleichzeitig warnt er aber davor, dass das geplante „Finanzkonstrukt“ das System „strangulieren“ werde „und keines unserer Probleme löst“.

Das Problem der Umfrage ist: Forsa hat ein Bauchgefühl dokumentiert. Wie berechtigt die Befürchtungen sind, bleibt ebenso offen wie der gesundheitspolitische Wissensstand der Befragten. Hätte das Institut nach dem Einfluss der Konvergenzklausel oder des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs auf Beitragshöhe und Leistungsniveau gefragt, wäre das Ergebnis wohl kollektives Schulterzucken gewesen.

Interessant an der Untersuchung ist etwas anderes: Im Vergleich zu früheren Befragungen sind Vertrauensschwund oder höhere Unzufriedenheit keineswegs feststellbar. Der Anteil derer, die das deutsche System „eher ungerecht“ finden, beträgt zwar immer noch 63 Prozent, ist aber seit 2004 stetig gesunken. Den Zustand des Systems bewerten 65 Prozent zwar als an einigen Stellen reformbedürftig, bezeichnen ihn aber als „im Prinzip gut“. Auch diese Werte waren schon deutlich schlechter. Und die Gesamtzufriedenheit hat mit 45 Prozent in den vergangenen vier Jahren ebenfalls einen Höchststand erreicht.

Bemerkenswert ist außerdem die Einschätzung, wer derzeit den größten Einfluss auf gesundheitspolitische Reformen nimmt. Das ist nach Mehrheitsmeinung nicht etwa die Regierung, es sind auch nicht Krankenkassen oder Ärzteverbände, sondern es ist – mit deutlichem Abstand – die Pharmaindustrie. Gleichzeitig vertrauen aber nur zehn Prozent der Befragten darauf, dass sich dieser Akteur richtig, also in ihrem Sinne verhält. Das höchste Vertrauen genießen mit 26 Prozent die Kassen, gefolgt von Ärzten (16 Prozent), Patientenverbänden (15 Prozent und Apothekern (13 Prozent).

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