Zeitung Heute : Volksvertreter ticken anders

Abgeordnete sind risikofreudiger als die Bürger. Nur so können sie in unsicheren Situationen entscheiden.

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Wagemutig. Politiker sind überdurchschnittlich risikobereit, auch im Straßenverkehr. Foto: p-a/dpa
Wagemutig. Politiker sind überdurchschnittlich risikobereit, auch im Straßenverkehr. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Die Frage, ob die Volksvertreter wirklich das Volk und dessen Willen repräsentieren, ist so alt wie die parlamentarische Demokratie. Solange Frauen weder wählen noch gewählt werden konnten, war es evident, dass nicht das gesamte Volk repräsentiert wurde. Selbst heutzutage werden weltweit Menschen nicht an ihrem Wohnort vertreten, wenn sie eine ausländische Staatsangehörigkeit haben.

Aufgrund der gesunkenen Wahlbeteiligung ist auch die Frage sinnvoll, ob einkommensschwache und bildungsferne Schichten noch angemessen in den deutschen Parlamenten repräsentiert werden. Dazu haben jüngst Pola Lehmann, Sven Regel und Sara Schlote vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) eine Analyse veröffentlicht. Sie zeigt, dass in Deutschland und anderen europäischen Ländern die Wahlbeteiligung des untersten Drittels der Sozialschichtung noch immer hoch genug ist, dass dessen Interessen in den Parlamenten repräsentiert werden. Zwar gehen in den sozial schwächeren Schichten etwa 20 Prozent weniger zur Wahl. Dennoch sind sie in den Parlamenten noch ausreichend vertreten.

Inwieweit sich Parlamentarier in ihren Persönlichkeitsmerkmalen von ihren Wählern beziehungsweise dem Volk unterscheiden, ist bislang fast nicht bekannt. Wären die Abgeordneten völlig anders „gestrickt“ als die zu Repräsentierenden, könnten daraus Probleme erwachsen. Deswegen hat das Berliner Team Moritz Hess, Christian von Scheve, Jürgen Schupp und der Autor dieses Artikels mit Hilfe einer Erhebung bei Bundestagsabgeordneten untersucht, ob diese sich in ihrer Risikofreude von der Bevölkerung in Deutschland unterscheidet.

An der schriftlichen Befragung im Dezember 2011 beteiligte sich fast ein Drittel aller Bundestagsabgeordneten, also 175 Parlamentarier. Sie unterscheiden sich kaum bezüglich Alter, Geschlecht und Dauer ihrer Abgeordnetentätigkeit von allen anderen. Insofern können die Ergebnisse verallgemeinert werden.

Die Risikoneigung wurde mit der Frage erhoben: Sind Sie im allgemeinen ein risikobereiter Mensch oder versuchen Sie Risiken zu vermeiden?“. Die Antworten konnten von Null („gar nicht risikobereit“) bis Zehn („sehr risikobereit“) gegeben werden. Diese sehr einfache Frage liefert erstaunlich gute Ergebnisse. Sie wurde in Zusammenarbeit mit Bonner Wissenschaftlern am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) entwickelt und wird inzwischen weltweit eingesetzt.

Vergleiche mit psychologischen Experimenten – mit zufällig ausgewählten Menschen in Deutschland – bestätigen die Aussagekraft der Antworten auf diese Frage. Sie wird auch in der bundesweit repräsentativen Erhebung „Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)“ gestellt. Dadurch können die Antworten der Bundestagsabgeordneten mit denen der Bevölkerung verglichen werden.

Das Hauptergebnis ist eindrucksvoll: Während Anfang 2012 der Mittelwert der Risikoneigung der Menschen in Deutschland bei 4,8 lag, lag er für die Mitglieder des Deutschen Bundestages Ende 2011 bei 6,4. Es wäre interessant zu sehen, wie sich die Risikoneigung nach Parteien unterscheidet. Aber die Partei- oder Fraktionszugehörigkeit der Abgeordneten wurde von uns nicht erfragt. Wir wollten vermeiden, dass Abgeordnete nicht an der Befragung teilnehmen, weil sie Angst haben, dass die Ergebnisse zu Lasten der eigenen Partei interpretiert werden.

Die Erhebung zeigt: Die Abgeordneten sind deutlich überdurchschnittlich risikofreudig. Dies bestätigt sich bei Fragen zur Risikofreude in einzelnen Lebensbereichen wie Geldanlagen, Gesundheit und Freizeit. Insbesondere beruflich gehen Abgeordnete gern Risiken ein, während sie beim Autofahren nur leicht überdurchschnittlich risikofreudig sind.

Im Hinblick auf die Repräsentation des (Wahl-)Volkes halten wir dieses Ergebnis für gut. Einerseits sind die Parlamentarier nicht völlig anders als die Wähler, unter denen es zwar weniger Hochrisikofreudige gibt, aber auch durchaus ausgeprägte Risikosucher. Andererseits unterscheiden sich die Abgeordneten genügend und in sinnvoller Richtung von ihrem Volk, so dass sie ihre Aufgabe gut erfüllen können. Denn bei vielen politischen Problemen ist das Ergebnis sehr ungewiss. Man denke nur an die Wirkung der Besteuerung oder der Bildungs- und Klimapolitik. Wer wie die Mehrheit der Menschen Risiken lieber vermeidet, wäre von Entscheidungen wie der Euro-Rettung überfordert. Denn solche Entscheidungen verlangen teilweise extreme Risikofreude.

Solange die Demokratie funktioniert, können selbst die risikofreudigsten Politiker nicht verantwortungslos handeln. Sie werden von Opposition und Öffentlichkeit kontrolliert. Und der parlamentarische Alltag zwingt zu Kompromissen, wodurch wiederum Risiken verkleinert werden. Wir sind davon überzeugt, dass die Arbeitsteilung zwischen Volk und Volksvertretung sinnvoll organisiert ist.

Der Autor ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Max-Planck-Fellow am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

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