Zeitung Heute : Vom Auto lernen

Was ein Vergleich mit der Vollkaskoversicherung für die Kassen bringen kann

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Um die Steuerungsmängel und Irrationalitäten der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland einmal anschaulich zu machen, hat der Wirtschaftswissenschaftler Dirk Meyer von der Hochschule der Bundeswehr in einem Gedankenexperiment versucht, die Kassenvorschriften auf die Vollkaskoversicherung für Autos zu übertragen.

Alle FahrzeugHalter bis zu einem monatlichen Arbeitsverdienst von 3825 Euro unterliegen einer Vollkasko-Versicherungspflicht, die neben Unfallschäden auch Reparaturen bei einem normalen Verschleiß abdeckt.

Mit Vertragsabschluss sind alle Fahrzeuge, auch die der noch im Haus wohnenden Kinder, versichert. Eine Beitragsdifferenzierung nach Schadensrisiko wird politisch abgelehnt.

Eine vorsichtige Fahrweise, eine Mindestprofiltiefe, gar das Aufziehen von Winterreifen sind keinesfalls für den Versicherungsschutz notwendig. Ähnlich wie ein Handy-Verbot beim Fahren würde ein Gurtzwang die persönliche Freiheit in unzulässiger Weise einschränken.

Das Verhältnis der Versicherer zu den Kfz-Werkstätten wird in Kollektivverträgen des Landesversicherungsverbandes mit der Kfz-Innung geregelt, die staatlich zu genehmigen sind. In der Praxis ist der staatliche Regulierer froh, wenn überhaupt Verträge zustande kommen. Dass die Kartellvereinbarungen gegen Wettbewerbsgrundsätze verstoßen, stört niemanden.

Die Werkstattleistungen werden nach diagnoseabhängigen Pauschalen entgolten. Die einheitlichen Preise orientieren sich dabei an landesweiten Kostendurchschnitten, unabhängig vom Fahrzeugtyp.

Die Versicherer stellen den Werkstätten ebenfalls landesweit ein festes Reparaturbudget zur Verfügung. Wer dieses überschreitet, ist selber schuld. Insbesondere bei Hagelschäden oder winterbedingter Unfallhäufung klagen die Werkstattinhaber deshalb über Selbstausbeutung und Verluste trotz bester Auftragslage.

Die Unternehmen des Kraftfahrzeug-Handwerks klagen außerdem über ihre veraltete Werkstattausrüstung und stellen einen Investitionsstau fest. Hintergrund sind die leeren Kassen des Staates, der für diese Finanzierung Verantwortung trägt.

Eine weitere Unbilligkeit sieht die Kfz-Innung in ihrer kollektiven Haftung bei einem Überschreiten des Budgets für den Ersatzteileinkauf. Die Kunden ihrerseits beklagen den zunehmenden Verzicht auf den Einbau von Originalteilen.

Versicherer, Kfz-Handwerk und Staat sind sich einig: Der Anstieg der Kosten muss begrenzt werden. Ölwechsel sowie Bagatell- oder Schönheitsreparaturen sind zukünftig selbst zu tragen. Durch die Ausweitung der weiterhin abgedeckten Inspektionen hofft man – wahrscheinlich vergebens –, die Reparaturkosten in späteren Jahren senken zu können.

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