Zeitung Heute : Vom Büro auf die Brücke

Zwei Mal im Jahr können Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft einen Blick hinter die Kulissen der Bundeswehr werfen. Die Berliner Projektleiterin Silke Berg schlüpfte für eine Woche in die Uniform der Marine

Volker Schubert

Feueralarm! An Bord der deutschen Fregatte „Köln“ brennt Mitschiffs eine Elektroschalttafel. Die drei Meter hohen Stichflammen drohen rasch auf andere Sektionen überzugreifen. Ein Bordmechaniker wälzt sich am Boden. Doch Rettung naht: Der Brandbekämpfungstrupp rückt unter Atemschutz vor. Rasch wird das flammende Inferno durch einen gezielten Löschangriff im Pulverschaum erstickt. Oberleutnant zur See der Reserve Silke Berg ist hautnah dabei. Hilflos schaut sie dem beherzten Vorgehen der Retter zu – eingreifen darf sie nicht. Denn die 40-jährige Berlinerin nimmt als zivile Führungskraft an einer so genannten Informationswehrübung teil. Hinter dem Begriff verbirgt sich gezielte Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverteidigungsministeriums – durchgeführt von Heer, Luftwaffe und Marine. Führungskräfte wie Silke Berg sollen als zivile „Botschafter der Blauen Jungs“ Marine-Wissen erwerben und bei öffentlichen Sicherheitsdebatten kompetent mitargumentieren. Teilnehmen können Zivilisten aus den unterschiedlichsten Bereichen – von Wirtschaftsvertretern über Journalisten bis hin zu Politikern und Pädagogen.

Die professionelle Brandbekämpfung ist dabei nur ein Worst-Case-Szenario im Torso der außer Dienst gestellten „Köln“. Die dient der Deutschen Marine am Ausbildungszentrum Schiffssicherung im schleswig-holsteinischen Neustadt zur Ausbildung von Kriegsschiffbesatzungen und Tauchern. „Die Rettungskette lief versiert ab“, stellt Silke Berg am Ende der Übung fest. Mit Schiffen kennt sich die Projektchefin eines namhaften Berliner Kongresszentrums gut aus. Urlaub und Freizeit verbringt sie am liebsten bei turbulentem Wellengang auf Nord- und Ostsee – an Bord ihrer hochseetüchtigen Einmastjacht. „Meine Eintrittskarte zur Marine war ein Smalltalk bei einer Nato-Tagung in unserem Hause“, verrät die Kongressmacherin. „Als ich von meinen Segelambitionen plauderte, riet mir ein Offizier zum Flottenbesuch.“

Im Sommer 2006 wurde es dann ernst. Musterung beim Truppenarzt: Berg ist marinetauglich. Der Einberufungsbescheid vom Kreiswehrersatzamt folgt. Wenige Wochen vor der „Info-Übung“ steigt Bergs Adrenalinpegel. Nach der israelischen Militäroffensive im Libanon wird Deutschlands Marinemission im Mittelmeer heiß diskutiert. Berg informiert sich, recherchiert im Internet, verfolgt die Tagespresse. Wie läuft ein Kontrolleinsatz gegen Waffenschmuggler ab und wie sind die Crews ausgebildet? Segelkapitän Berg hat einen Seesack voller Fragen geschnürt.

Im Spätherbst ist es schließlich soweit. Der Schlagbaum der Marineschule Mürwik (MSM) hebt sich. Silke Berg betritt historisches Terrain. Seit 1910 gilt die MSM als „Mutterhaus aller Seekadetten“ und deutsche Marineoffiziersschmiede. Als „Rotes Schloss am Meer“ thront das architektonische Kleinod im Stil norddeutscher Backsteingotik über Flensburgs Förde. Viel Zeit für Postkartenromantik bleibt allerdings nicht. Schon am ersten Tag geht es für Berg und 26 weitere handverlesene Manager in die Vollen: Morgens Einkleidung, mittags Exerzieren, abends sicherheitspolitische Exkursionen. „Wir bieten ein kompaktes Programm, bei dem die Führungskräfte – mit Dienstgrad und Uniform in die Crew integriert – hinter die Kulissen unserer Seestreitkräfte schauen“, sagt MSM-Projektoffizier Fregattenkapitän Walter John. Nach ein wenig Theorie zu Aufgaben und Einsatzbereichen der Marine steht für die Professoren, Parlamentarier und Wirtschaftsbosse Exerzieren auf dem Programm. Das Feierliche Gelöbnis wird geübt. Adrett ins Offizierstuch gehüllt nimmt Silke Berg in Reih und Glied Haltung an. Der Crashkurs „Gehen und Grüßen nach Vorschrift“ hat seine Tücken: Manch graumelierter Chef verliert die Fassung – und wird zum Passgänger. „Dank Drillmaster Hauptbootsmann Brehmers dickem Geduldsfaden lief das Gelöbnis aber tiptop“, lobt Berg nach akkuratem Protokolldebüt.

„Herr Admiral, Info-Crew in Stärke 27 angetreten,“ meldet die Berlinerin drei Tage später zackig dem Befehlshaber des Flottenkommandos in Glückburg. Die nonchalante Eventchefin ist bereits auf dem besten Weg, „Offizierskarriere“ zu machen. Hochrangigen Admiralen melden und Statements abhalten, so lautet ihr Auftrag als frisch gekürte Crewsprecherin. Das Flottenkommando ist das Gehirn der Marine. Vom Hauptquartier aus werden die See -und Luftstreitkräfte geführt, erfahren die „Vip-Offiziere“ beim morgendlichen Lagevortrag, der über die aktuellen Positionen weltweit operierender Seeverbände informiert.

Glückburg ist dann auch die letzte Station im schicken blauen Zwirn. Ab jetzt tragen Silke Berg und ihre zivilen Kollegen Bordgefechtsanzug. „Marine live“ versprechen die eng gestrickten Programmpunkte der kommenden Tage. Erstes Reiseziel: Die Spezialisierten Kräfte Marine (SEKM) in Eckernförde. Elitesoldaten wie Minentaucher und Kampfschwimmer verfügen über ein breites Einsatzspektrum, sind an der Kampfmittel- und Minenräumung sowie an Evakuierungs- und Spezialoperationen beteiligt. Dann heißt es buchstäblich in die Röhre gucken: Beim 1. Ubootgeschwader erhalten die Teilnehmer Einblick in die Enge an Bord der Typenklasse 206 A. Der „Winzling“ ist schwer ortbar und kann in extrem seichten Tiefen operieren. „Ubootfahrer sind schon aus besonderem Holz geschnitzt“, bemerkt Silke Berg. „Ich würde Platzangst kriegen.“

Nach einem Abstecher zu den Seeluftstreitkräften heißt es auf dem Marinestützpunkt Wilhelmshafen Leinen los für die passionierte Seglerin und ihre Crewmitglieder. Die Manövermitfahrt auf der Fregatte „Bremen“ ist das Highlight der Woche. Im Gefechtsverband wird hier für den Ernstfall geübt. Radarsensoren der Operationszentrale melden eine feindliche Jagdbomberrotte, die Backbord im Anflug ist. Sirenen heulen, Gefechtsalarm! Der gefährlichen Situation begegnet die „Bremen“ mit scharfem Zick-Zack-Kurs. Flottenballett heißt die taktische Maßnahme im Marinejargon. Ein „Tornado“ rast im Tiefflug mit ohrenbetäubendem Krach über das Schiff hinweg. Berg verfolgt den simulierten Angriff von der Brücke aus. Mit Übungen wie diesen will die Marine die Leitungsfähigkeit ihrer Schiffe verdeutlichen. „Ein Einblick, der sonst nur hohen Militärs geboten wird“, sagt Fregattenkapitän Walter John.

Am Ende des Manövertages geht es schließlich in die Luft. Im Rumpf einer „Transall“ zieht Silke Berg – begleitet vom sanften Brummen der zwei Turboprop-Motoren – eine erste Bilanz. Für sie, so sagt sie, war die Woche ein „echter Eyeopener“. Ihr Fazit: Der Auftrag der Marine ist wichtig. Die Crews sind hoch motiviert und gut ausgebildet. Und von der Führungsphilosophie könne sich manch ziviler Boss eine Scheibe abschneiden. „Kein Wunder, dass mittlerweile rund 25 Prozent der Offiziersanwärter Frauen sind“, resümiert Berg. Schönfärberei und Imagepolitur brauche die Marine nicht, meint sie, „aber dringend neue Schiffe.“

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