Zeitung Heute : Vom Dunkel ins Licht

Der Tagesspiegel

Von Jörg-Peter Rau

Nacht am Breitscheidplatz. Die letzten der späten Einkäufer vom Karsamstag sind verschwunden. Die meisten, die jetzt noch unterwegs sind, streben auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu. Dunkel liegt sie da, noch dunkler ist es drinnen. Nur die grünen Hinweise auf die Notausgänge schimmern. In die dunkle Kirche hinein werden drei Texte aus dem Alten Testament verlesen: Der von der Schöpfung des Menschen, den Gott als ein gutes Werk betrachtete. Dann der von der Sintflut, an deren Ende Gott beschließt: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen.“ (1 Mose 8,21). Und als dritter ein Ausschnitt aus Hesekiel (37,1-10), eine frühe Prophezeiung der Auferstehung. In diese Trias stellt Pfarrerin Sylvia von Kekulé erste Verbindungen hinein zu dem, was im Laufe dieser Osternacht noch passieren wird. Dann wird hinten am Eingang die Osterkerze entzündet. Unter dreimaliger Anrufung des Lichtes Christi wird tragen Altbischof Martin Kruse und Pfarrer Knut Soppa das Licht durch den Mittelgang zum Altar.

Die Dramaturgie stammt aus der traditionellen katholischen Osternachtsfeier – vor der Kraft der Auferstehung schwinden konfessionelle Grenzen. Während Kantor Helmut Hoeft den Lobgesang auf das Licht vorträgt, tastet sich der warme Schein die Bankreihen voran. Am Ende ist es hell in der Kirche, und Torsten Albrecht, ein junger Mann mit Doktortitel, kann die Taufe empfangen.

Die Steigerung geht weiter. Während des Evangeliums von den Frauen vor dem offenen Grab mit dem Engel davor (Matthäus 28, 1-7) wird es auch hinter den blauen Fenstern langsam hell. Kraftvoll und ohne Vorspiel, nur mit der Melodie des alten Kirchenliedes setzt die Orgel ein: Christus ist erstanden. Während der drei Strophen baut sich das Spiel immer weiter auf, wird kunstvoller. Die riesige Christus-Plastik verliert ihren beängstigenden Charakter aus dem Halbdunkel, leuchtet in die Kirche hinein, aus dem Gekreuzigten wird ein Segnender. Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Altbischof Kruse hat als Predigttext eine Bibelstelle, die es in sich hat: „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot, und er legte seine rechte Hand auf mich uns sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Die erste von vielen, oft genug problematischen Visionen aus der Offenbarung des Johannes (1,17-18) deutet er in seiner kurzen, prägnanten Predigt weniger als ein Ostergedenken. Johannes, vierzig Jahre nach dem ersten Osterfest auf Patmos in der Verbannung, steht, so Kruse, für die zeitlosen Qualitäten des Ostergeschehens. Nicht um Jesus von Nazareth und sein Wirken gehe es in erster Linie, sondern um Christus, den Auferstandenen, den Sohn Gottes, den Christen in dieser Osternacht bezeugen.

Nicht die Macht über die Hölle stehe im Vordergrund, sondern die Verheißung des Himmels – so schwierig diese Botschaft ist, wenn wie in Israel und Palästina „das Dunkle manchmal so übermächtig scheint“. Und doch: „Johannes ist nicht in der Hand eines blinden Schicksals“, sagt Kruse. Wie er könnten Christen sich darauf verlassen, dass die Osterbotschaft „neue Räume ins Leben öffnet.“ Nicht umsonst wird die zentrale Botschaft in dieser Osternacht gleich zweimal verlesen: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 8,12). Ostern in einem Satz, so dicht wie der Predigttext. Man kann durchaus noch ein bisschen darüber nachdenken nach dem Gottesdienst. Auf dem Breitscheidplatz ist es ruhig geworden. Aber die blaubunten Fenster der Kirche funkeln über ihn. Halb eins, Ostersonntag.

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