Zeitung Heute : Vom Empire zum globalen Dorf

ALBRECHT MEIER

50 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens und der danach folgenden Entkolonialisierung ist vom Britischen Empire nicht viel geblieben, dennoch nimmt Großbritanien im "globalen Dorf" seine Verpflichtungen war.VON ALBRECHT MEIERKeine Frage, die Briten sind der Zukunft zugewandt.Das neue Jahrtausend, die Herausforderungen der modernen Informationsgesellschaft, lebenslanges Lernen - das ist die Welt des britischen Regierungschefs Tony Blair, der seine Wahl nicht zuletzt seinem jugendlichem Charisma und der Vorstellung zu verdanken hat, Großbritannien könne gleichsam seiner Vergangenheit entfliehen und auf dem Weg in die Zukunft ein paar Lichtjahre überspringen.Nun will es aber die Ironie eines Zeitplans, den selbst die übermächtige Regierungsmehrheit im Unterhaus nicht beeinflussen kann, daß die Briten gleich zweimal innerhalb kurzer Zeit wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden.Die Übergabe der Kronkolonie Hongkong an China und nun der 50.Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans erinnern an ein koloniales Erbe, mit dem sich Großbritannien nicht immer leicht getan hat. Seit der indische Subkontinent 1947 unabhängig und damit die Entkolonialisierung im großen Stil eingeläutet wurde, haben die Briten immer einmal wieder Abschied vom Empire nehmen müssen - in schmerzlichster Form während der Suezkrise von 1956.Heute, da das einstige Weltreich auf ein Dutzend weltweit verstreuter Inselgruppen mit 180 000 Einwohnern zusammengeschmolzen ist und die verbliebenen "abhängigen Gebiete" vor allem unter dem Gesichtspunkt der Belastung für die britischen Steuerzahler betrachtet werden, ist im einstigen Zentrum des Empire für Nostalgie nur noch wenig Platz.Das Urteil der Nachkriegsgeschichte, wonach Großbritannien zwar "den Krieg gewonnen, aber den Frieden verloren" hat, ist längst zur Binsenweisheit britischer Schulbuchautoren geworden.Den 50.Jahrestag der indischen Unabhängigkeit registieren die Briten mit großer Gelassenheit - mit einer ähnlichen Gelassenheit, mit der sie bei den sommerlichen test matches im Cricket auch Niederlagen gegen Mannschaften aus dem Commonwealth zur Kenntnis nehmen. Ist Großbritannien also in den 50 Jahren der Entkolonialisierung, die zwischen dem Aufbruch der "Mitternachtskinder" vom indischen Subkontinent und der Übergabe Hongkongs liegen, zu einem ganz normalen Land und - um im Cricket-Bild zu bleiben - europäischen team player geworden? Wer die Schwierigkeiten kennt, die Großbritannien nach wie vor mit der europäischen Einigungsidee hat, wird da seine Zweifel anmelden.Die Briten haben ihre Sonderrolle in Europa stets auch durch die internationale Einbettung in das Commonwealth begründet.Es deutet wenig darauf hin, daß sich am Selbstverständnis des Londoner Foreign Office - das früher schließlich auch einmal Colonial Office hieß - grundsätzlich etwas geändert hat: Die britische Außenpolitik dient nicht nur Europa, sondern dem gesamten Erdkreis."Wir haben kein Empire mehr, und wenn das Commonwealth uns auch wertvolle Verbindungen in andere Weltgegenden schafft, ist es doch keine Alternative zu Europa." So bekennt sich der britische Premierminister Blair zwar in seinem Buch "Meine Vision" zur europäischen Integration.Aber zu Blairs Visionen gehört auch der folgende Satz: "Die Rolle Großbritanniens in der Welt ist nicht auf Europa beschränkt." Die eigenen Möglichkeiten schätzt die britische Diplomatie dabei durchaus nüchtern ein.Die Ära der Federhelme, Tropenhüte und Seidenschärpen ist zwar vorbei, geblieben aber sind die Möglichkeiten, die nicht zuletzt die englische Sprache und damit ein weltweites Engagement für Großbritannien bieten.Für 400 Millionen Menschen ist das Englische die Muttersprache, für fast eine Milliarde die erste Fremdsprache.London kann eine herausragende Rolle unter den europäischen Investoren in China und die special relationship zu den USA vorweisen, die durch den ideologischen Gleichklang zwischen Tony Blair und US-Präsident Bill Clinton neue Impulse erfahren hat.In der Sicherheitspolitik legt London auf die Präsenz der NATO und amerikanischer Soldaten in Europa großen Wert; britische Soldaten haben diese Zusammenarbeit zuletzt in Bosnien bei ihrem Vorgehen gegen zwei serbische Kriegsverbrecher in Absprache mit der NATO und den USA demonstriert.Mit Großmannssucht hat das nichts zu tun.Schon eher mit der Erkenntnis, daß das Reden vom "globalen Dorf" auch Verpflichtungen mit sich bringt.

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