Zeitung Heute : Vom Flohmarkt zur eigenen Ladenkette

Modeschmuck muss nicht aus Asien kommen. Das beweisen Kunsthandwerker aus Berlin

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Von Oliver Trenkamp Berlin, Winter 1980, die Mauer steht noch. Und Sergio Engel steht davor. Zu seinen Füßen liegen Ohrringe, Broschen und Ketten auf einer Decke. Er hat sie selbst zusammengelötet. Armreifen sind auch dabei, einige aus alten Cola-Dosen gefertigt. Jede Woche steht er auf dem Flohmarkt in der Nähe des alten Tempodroms – wenige Meter weiter liegt heute das Kanzleramt.

„Ich habe einfach etwas gesucht, um Geld zu verdienen“, sagt Sergio Engel heute. Er steht in seiner Werkstatt in der Graefestraße in Berlin-Kreuzberg und kontrolliert Fotos seiner neuen Modeschmuck-Kollektion, die im Februar ausgeliefert wird. Aus dem Flohmarktstand ist ein florierendes Familienunternehmen geworden: sechs Geschäfte, drei davon in Berlin, plus Großhandel, 30 Mitarbeiter. Sein ältester Sohn kümmert sich um das Büro, seine Tochter entwirft neuen Schmuck.

Sechs Angestellte sitzen zwischen bunten Schalen mit Strasssteinen, Bronzeformen und Kettengliedern. Ihr Werkzeug erinnert an Instrumente aus einer Zahnarztpraxis: Die Zangen können einzelne Haare greifen, die Spitzen der Lötkolben sind so groß wie Stecknadelköpfe. Damit arbeiten sie an neuen Ohrsteckern und Colliers aus Strass- und Halbedelsteinen, die unter der Marke „Sergio Engel jewellery“ verkauft werden. „Die Produktion von Modeschmuck ist ein Kunsthandwerk“, sagt Engel, „wir basteln nicht einfach blinkendes Zeug zusammen. Wir setzen Trends.“

Alle seine Produkte sind „made in Berlin“. Für die Stadt sprechen die günstigen Mieten und die Touristen. „Elf Millionen Besucher im Jahr, 30 000 täglich“, schwärmt Engel. „Jeden Tag kommt eine kleine Stadt hierher.“ Außerdem seien die Mitarbeiter motiviert, auch wenn die Löhne nicht so hoch seien wie etwa in München.

Handgearbeiteter Modeschmuck aus Deutschland ist keine Selbstverständlichkeit. Die großen Anbieter wie die Aktiengesellschaft Bijou Brigitte aus Hamburg mit ihren 300 Millionen Euro Jahresumsatz und 800 Filialen in ganz Europa lassen günstig in Asien produzieren. Ein Collier kostet dort dann auch nur um die zwölf Euro. Das Unternehmen ist Marktführer in dem Segment. Noch günstiger sind Accessoires bei Modeketten wie H&M oder in Kaufhäusern.

Doch die Großen sieht Engel nicht als Konkurrenz. Seine Marke stehe für „bezahlbare Exklusivität“. In seinen Läden kostet die günstigste Kette um die 50 Euro, die Preise gehen bis 200 Euro hoch. Neben den eigenen Produkten verkauft das Unternehmen auch Schmuck anderer Marken wie Swarovski.

Nur wenige machen es wie Engel und setzen auf Handwerk aus der Hauptstadt. Einer davon ist Thomas Schwender. Auch er ist ein Autodidakt in Sachen Schmuck. Als Musikstudent fertigt er Anfang der 90er Jahre in Frankfurt am Main aus ein paar Perlen eine Kollektion und reüssiert damit auf Modemessen. Er gründet eine Firma: Tosh heißt sie. Im Jahr 2001 zieht Schwender samt Atelier an die Spree. Heute betreibt auch er eigene Einzelhandelsgeschäfte – in Mitte und im Prenzlauer Berg.

Die Vorzüge Berlins sieht er ebenfalls beim Personal: „In Frankfurt waren gute Leute nach einem halben Jahr weg, wenn sie irgendwo anders besser bezahlt wurden.“ In der Hauptstadt seien die Mitarbeiter mit mehr Spaß und Begeisterung bei der Sache, auch wenn er nicht „so super gut“ bezahlen könne. Und Berlin sei eine Stadt der Inspiration. Mit H&M oder Bijou Brigitte wolle er gar nicht konkurrieren; „unsere Kunden wollen nicht das gleiche tragen wie alle anderen.“

Auch Tosh scheint mit dem Konzept Erfolg zu haben: Eigenen Angaben zufolge setzt die Firma jährlich 300 000 bis 400 000 Euro um, 80 Prozent davon im Großhandel, der auch ins Ausland geht. Vor allem auf den großen Messen in Paris sei die Firma präsent, sagt Schwender.

Der Großhandel spielt auch für Sergio Engel eine wichtige Rolle, mitunter beliefert er Kunden in Dubai oder Vancouver, noch heute geht ein großer Teil seiner Kollektion in die Niederlande. Doch das Fundament der Firma ist der Einzelhandel, vier Fünftel des Umsatzes würden dort erwirtschaftet. „Wir sind näher dran an den Kunden“, sagt Engel, „wir bekommen direktes Feedback und können auf Wünsche reagieren.“

Der Weg zum Schmuckunternehmer beginnt für Sergio Engel 1979. Da kommt er aus Argentinien nach Berlin und schlägt sich als Tellerwäscher und Pizzabäcker durch. Doch die Geschäfte auf den Kunstmärkten laufen immer besser. Seine großen Metallbroschen und Armreifen verkaufen sich so gut, dass er 1982 in den Großhandel einsteigt. Die Heimwerkstatt im Flur seiner Wohnung ist mit drei Quadratmetern zu klein. Eine Fabriketageam Mehringdamm bietet mehr Platz, er stellt erste Mitarbeiter ein.

Doch nach zehn Jahren Wachstum kommt 1992 der Einbruch. „Wir haben einfach jeden Trend verpasst“, sagt Engel, „und das sieben Jahre lang.“ Die Mode ändert sich: Zur Zeit des ersten Golfkrieges wird weniger Schmuck getragen. Engel schließt die große Werkstatt und entlässt seine Mitarbeiter. In den 90er Jahren kennen die Umsatzzahlen nur eine Richtung: nach unten.

Vor der Pleite bewahren ihn ein paar glitzernde Rosen, die er aus Aluminium geformt und mit Strasssteinen besetzt hat. Ein letzter Versuch. Die Kollektion unter dem Namen „Light Roses“ verkaufen sich im Großhandel prächtig. Ohrstecker, Ketten, Armbänder aus funkelnden Rosenblüten – bunte Farben laufen zur Jahrtausendwende wieder.

Expansion heißt die Strategie in der Folge. Jeden erwirtschafteten Euro steckt Engel in den Aufbau des Einzelhandels. Als erstes eröffnet im Jahr 2002 ein Laden in der Einkaufspassage „Rosenhöfe“ in Berlin-Mitte. Und wieder bringen ihm die Blumen Glück: Seine Werkstatt kommt mit der Schmuckproduktion kaum hinterher. Noch heute sitzt er häufig selbst an der Werkbank und werkelt an Ohrsteckern.

Weitere Läden sind vorerst nicht geplant, sechs Stück sind es bis jetzt. „Einer in Hamburg, zwei auf Mallorca und die drei Zentren in Berlin – das reicht erst einmal“, sagt Engel. Mittlerweile prangt sein Name nämlich nicht nur in den Rosenhöfen, sondern auch am Kudamm und in den Potsdamer Platz Arkaden. Gar nicht weit von dem Ort entfernt, wo er vor 25 Jahren angefangen hat. Als Schmuckverkäufer auf dem Flohmarkt vor der Mauer.

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