Zeitung Heute : Vom Himmel gefallen

Paul Janositz

Die Weltraumsonde Genesis mit wertvollen Sonnenwindpartikeln an Bord ist abgestürzt. Was wäre, wenn die wissenschaftlichen Informationen gerettet werden können?

Der Traum ist geplatzt. Eine Bilderbuchlandung sollte es werden. Drei Jahre lang war die Weltraumsonde Genesis im All unterwegs gewesen, um Sonnenstaub einzufangen. Gestern Abend standen erfahrene Piloten – Hollywood-Stuntmen – mit Hubschraubern bereit, um die wertvolle Fracht in 1200 Metern Höhe mit hakenförmigen Stangen an Bord zu ziehen. Vorher allerdings hätte die 210 Kilogramm schwere Kapsel abgebremst werden müssen. Von knapp 40000 Kilometern pro Stunde beim Eintritt in die Erdatmosphäre auf weniger als zehn Stundenkilometer. Doch die Fallschirme versagten. Die kühlschrankgroße Kapsel grub ein tiefes Loch in den Wüstensand nahe Salt Lake City im US-Staat Utah.

Ob die Proben trotz des Absturzes erhalten blieben, ist noch unklar. Etwa 0,4 Milligramm Staub hatte die Sonde gesammelt, original von der Oberfläche der Sonne, unverfälscht in seinem chemischen und physikalischen Zustand. Im Falle eines Scheiterns hätte die US-Weltraumbehörde nicht nur 260 Millionen Dollar in den Sand gesetzt, auch für die Wissenschaft wäre unschätzbarer Erkenntniswert verloren. Denn die interstellaren Partikel hätten von der Entstehung des Sonnensystems erzählen können. Etwa 4,6 Milliarden Jahre ist es her, seit sich die Sonne samt Planeten aus einer rotierenden Scheibe von Gas und Staub bildete. Über die in diesem Nebel herrschenden Bedingungen weiß man noch wenig. Die Planeten können keine zuverlässige Auskunft geben, denn sie haben sich seit ihrer Geburt sehr verändert.

Anders ist es mit der Außenhülle der Sonne, dort herrschen praktisch noch Urbedingungen. Die 6000 Grad heiße Oberfläche lässt direkte Expeditionen nicht zu, doch glücklicherweise bläst die Sonne unentwegt einen Strom geladener Teilchen ins All. Um diese Partikel einzusammeln, hatte Genesis 32 Millionen Kilometer im All zurückgelegt. Die Sonde war mit runden, autoreifengroßen Kollektoren ausgestattet, auf denen sich Kacheln aus Silizium, Saphir, Aluminium oder Germanium befanden. Die verschiedenen Substanzen waren nötig, um alle Arten von Teilchen einfangen zu können, ohne dass die sich chemisch oder physikalisch veränderten.

Zum ersten Mal, seit die Apollomissionen vor mehr als 30 Jahren Mondgestein zur Erde brachten, ist jetzt mit Genesis wieder gezielt gesammeltes, kosmisches Material auf unseren Planeten gelangt. Ob das Team um Don Burnett vom California-Institut für Technologie in Pasadena, dem wissenschaftlichen Leiter des Genesis-Projekts, das Material nach dem Absturz noch auswerten kann, ist höchst fraglich. Burnett und seine Kollegen wollten die Daten in Computer einspeisen, die die Geburt unseres Sonnensystems simulieren. Auch von den Anfängen der Erde hätte so ein realistischeres Bild entstehen können. Woher wir Menschen kommen - mit Genesis wüssten wir etwas mehr darüber. Nun müssen wir wohl weiter rätseln.

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