Zeitung Heute : Vom Ich zur AG in drei Stunden

Erfahrungen einer Gründerin

Annette Fahrendorf

„Sie möchten also eine Ich-AG werden?“ – die Sachbearbeiterin beim Kleinstadtarbeitsamt ist sichtlich in Verlegenheit. Um meinen ersten größeren Auftrag ausführen zu können, möchte ich mich so schnell wie möglich selbstständig machen. Damit bin ich die erste Ich-AG am Ort und es gibt noch nicht einmal ein Informationsblatt zum Ausgeben. Trotzdem sind die Formalien bald geklärt. „Als Freiberuflerin in Ihrem Bereich brauchen Sie keinen Gewerbeschein“, erklärt die Sachbearbeiterin. „Sie müssen einfach beim Finanzamt eine Steuernummer beantragen. Mit der entsprechenden Bescheinigung können wir den Antrag bearbeiten.“ Das Landleben hat auch Vorteile. Der Weg zum Finanzamt ist kurz und der zuständige Sachbearbeiter hat Zeit. Er erklärt mir das Prinzip der monatlichen Steueranmeldung und gibt mir die entsprechenden Anträge. Als ich mit den ausgefüllten Blättern zurückkomme, hat er immer noch Zeit. Und die Kollegin, die die Steuernummern vergibt, hat ebenfalls Zeit.

Mit der Bescheinigung über die Ausübung einer freiberuflichen Tätigkeit geht es zurück zum Arbeitsamt. Damit sind die Unterlagen vollständig. Ich brauche keinen Nachweis, dass ich mich ausreichend vorbereitet habe, kein ausgearbeitetes Konzept, keinen Finanzplan. Nichts. Insgesamt dauert es keine drei Stunden und ich bin selbstständig mit allen Konsequenzen.

Kein Arbeitgeber wird sich in Zukunft um meine Kranken- und Sozialversicherung kümmern, keine Gewerkschaft mich vertreten und für regelmäßige Lohnsteigerungen sorgen, kein Betriebsrat steht mir zur Seite, wenn es Probleme gibt. Immerhin, wenn es mit der Selbstständigkeit nicht klappt, kann ich wieder Arbeitslosengeld beantragen.

Die freundliche Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt kopiert mir schnell noch die hausinternen „Informationen zu ,Ich-AG’ als Leistung der Arbeitsförderung“, damit ich wenigstens irgend etwas zum Nachlesen in der Hand habe. „Dann wünsche ich Ihnen alles Gute“ sagt sie bedeutungsvoll, als sie meinen Antrag entgegennimmt, „und dass Sie schon im ersten Jahr weit mehr als 25 000 Euro einnehmen werden“. Dann nämlich liefe die Förderung durchs Arbeitsamz aus und ich wäre schon nach einem Jahr keine Ich-AG mehr, sondern ein gelungener Fall von Selbstständigkeit mit staatlicher Anschubfinanzierung. Warten wir es ab.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben