Zeitung Heute : Vom Kopf auf die Füße

Wie die neuen Bachelorstudiengänge den Studienalltag verändern

Ljiljana Nikolic

Frischer Wind weht am Institut für Erziehungswissenschaften. „Stellen sie sich vor, sechs Lehrende haben sich abends mit ihren Studierenden getroffen, und alle kannten sich untereinander“, freut sich Erziehungswissenschaftler Dieter Brenner über die positiven Auswirkungen des vor zwei Jahren eingeführten Bachelor- und Master-Studiengangs in seinem Fach. Zu Magisterzeiten sahen sich Studenten und Dozenten oft nur zu einem einzigen Seminar pro Woche und womöglich ein ganzes Unileben nie wieder. Jetzt müssen die Studenten zu Beginn des Studiums zuerst sechs Grundlagen-Module absolvieren. Dadurch wird nicht nur das Wissen systematischer und kontinuierlicher vermittelt. Dank der verschiedenen Lehrveranstaltungen eines Moduls treffen sich die Studenten mehrmals pro Woche – und im nächsten Semester in den Folgeveranstaltungen.

Auch wenn es manchem noch wie eine Modeerscheinung vorkommen mag: In Bologna sind die Würfel gefallen. Bis zum Jahr 2010 soll es an den Universitäten des Kontinents zwei Abschlüsse geben: den drei Jahre dauernden Bachelor und nach zwei weiteren Jahren den Master. Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass Module, Credit Points und studienbegleitende Prüfungen den Studienalltag sehr verändern.

Die Erziehungswissenschaftler gehören mit den Sozialwissenschaftlern zu den ersten Instituten der Humboldt-Universität, die Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt haben. Die Pioniere allerdings sind die Angehörigen der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät (LGF). Hier wurden die Studiengänge bereits zum Wintersemester 2000/01 eingeführt, und das gleich ohne die Parallelveranstaltung Diplom. Ähnlich wie bei den Erziehungswissenschaftlern waren es auch hier Probleme in Studium und Lehre, die zur entschlossenen Neuerung geführt haben. „Nach einer internen Schwächen-Stärke-Analyse hat sich die Fakultät überlegt, wie sie ohne zusätzliche finanzielle Mittel eine bessere Strukturierung der damals zwei Studiengänge Gartenbau und Agrarwissenschaft vornehmen kann“, erinnert sich Uwe Jens Nagel, der Dekan der Fakultät.

Eines war zu Beginn der Reform klar: Es sollte nicht ein alter Studiengang mit neuem Namen geschmückt werden. „Wir haben das Studium vom Kopf auf die Füße gestellt“, so der Agrar-Professor. Da der Bachelor berufsqualifizierend sein soll, wurden die praktischen Teile an den Anfang gestellt. Insgesamt ein komplizierter Prozess, der nur deshalb gelungen ist, weil alle Gremienmitglieder mit ins Boot genommen wurden: Von den Studierenden bis zu den Professoren. „Die Hälfte des Kollegiums war sehr skeptisch“, erinnert sich der Erziehungswissenschaftler Benner.

Mittlerweile will keiner der Kollegen das alte System wiederhaben, weder bei den Agrar- noch bei den Erziehungswissenschaftlern. Auch die Fakten sprechen für die Bachelor- und Master-Studiengänge. An der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät verließen früher viele Studenten die Uni ohne Abschluss. Inzwischen machen 70 Prozent der Immatrikulierten den Bachelor.

Studierende üben allerdings auch Kritik am neuen System. „In der Grundlagenphase lernt man viel auf die Prüfungen hin und hat keine Zeit Interessen auszubauen“, sagt Kathrin Mantzelmann, die zwei Fächer nach der Magisterordnung studiert und jetzt den Bachelor-Studiengang Erziehungswissenschaften belegt hat. Dem Grundlagenstudium folge aber immerhin eine Schwerpunktphase, in der sie ihre Interessen vertiefen kann. Sie fürchtet außerdem, dass andere universitäre Aktivitäten bei den Studierenden künftig zu kurz kommen werden. „Ich selbst bin in der Fachschaft organisiert, aber ich denke, dass der Bachelor zu anstrengend ist, um sich zwei Jahre hochschulpolitisch zu binden“, sagt Mantzelmann.

So mancher Studierende wird wahrscheinlich in die Bredouille geraten, weil er nebenbei jobben muss. Denn die Kurse bauen aufeinander auf, werden aber meistens nur im Jahresrhythmus wiederholt. Wer einen Kurs verpasst, könnte also schnell das eigentliche Ziel verfehlen, schnell zu studieren.

Problematisch für die Länge des Studiums gestaltet sich zurzeit die Situation bei der Wahl von zwei Fächern, wie bei der Lehrerausbildung. Da viele Kombinationen möglich sind, kommt es schnell zu Überlappungen, weil es organisatorisch noch einige Probleme gibt. „Alle Berliner Lehramtstudiengänge wurden im vergangenen Wintersemester im Hauruckverfahren auf Bachelor- und Master umgestellt“, erklärt Joachim Baeckmann, Leiter der Abteilung Angelegenheiten der Studierenden. Die Musterstudienpläne der meisten Institute sahen eine übergroße Zahl von Lehrveranstaltungen am Anfang des Studiums vor – die Abstimmung fehlte untereinander.

Problematisch gestalten sich auch die langen Anfahrtswege zwischen dem naturwissenschaftlichen Campus in Adlershof und Mitte und die vorübergehende Schließung des zentralen Seminargebäudes. Mit der Studienreform trat deswegen auch das schwelende Raumproblem zutage. „Viele Räume sind zu klein oder technisch ungeeignet“, erklärt Baeckmann. Diese Mängel habe es schon früher gegeben, sie seien aufgrund der Beliebigkeit des früheren Systems aber leichter zu umgehen gewesen. So manche Lösung wird sich wahrscheinlich erst mit der Zeit einfinden. „Es wird von Semester zu Semester besser werden“, verspricht Baeckmann.

Ob die Reform glücken wird, hängt aber nicht nur allein vom Studium, sondern auch vom Einstieg ins Berufsleben ab. Ein Punkt, der bei der obligatorischen Evaluation nach fünf Jahren durch die Akkreditierungsagentur auch eine Rolle spielt. An der LGF wie bei den Erziehungswissenschaftlern sind sich die Professoren einig, dass sich mit den neuen Abschlüssen auch neue Berufsfelder entwickeln müssen.

Die Erziehungswissenschaftler suchen zusammen mit ihren Studierenden neue Betätigungsorte für die Praktika und vermitteln Kontakte, angefangen bei der Erwachsenbildung übers Fernsehen bis zu internationalen Organisationen. Bei der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät steht nun die Evaluation an, die die Agrarwissenschaftler nutzen wollen, um das Studium weiter zu verbessern.

Was den Instituten und Fakultäten bei der Studienreform den Elan rauben kann, sind die schlechten finanziellen Konditionen. So wurde bei den Landwirten gute Lehre mit einem finanziellen Bonus belohnt. Dafür reichen die Mittel allerdings nicht mehr aus. Auch werden eine Reihe von den weiterführenden Master-Studiengängen aus finanziellen Gründen im nächsten Jahr wieder eingestellt. Allerdings kann man aus der Not auch eine Tugend machen. Künftig werden neben dem regulären Masterangebot auch zwei internationale Studiengänge angeboten, von denen der „International Master in Rural Development“ von der Europäischen Kommission im Erasmus Mundus-Programm gefördert wird und das Prädikat „hervorragend“ erhielt.

Bei den Erziehungswissenschaftlern wäre die Lehre in den neuen Lehramtsstudiengängen im vergangenen Wintersemester beinahe zusammengebrochen. Denn die rund 450 Studierenden haben neben Kern- und Zweitfach insgesamt zwei berufswissenschaftliche Module bei den Erziehungswissenschaftlern zu absolvieren. „Es fehlte dafür an etatisierten Tutorenmitteln. Ein entsprechender Antrag liegt jetzt aber der Universitätsleitung vor“, sagt der Erziehungswissenschaftler Benner. Diese Engpässe wurden durch Sondermittel des Vizepräsidenten für Lehre und Studium und durch persönlich zugeordnete Hilfskräfte einer Abteilung aufgefangen. Für das kommende Semester, hoffen die Professoren, wird das nicht mehr nötig sein.

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