Zeitung Heute : Vom Pathos einer menschlichen Amazone

SYBILL MAHLKE

Unbeständiges Gefühl, Ekstase der Treue: Julia Varady triumphiert in einem Mozart-Konzert der Deutschen Oper Berlin, das Dietrich Fischer-Dieskau dirigiertSYBILL MAHLKE"Come soglio" hebt Mozarts Fiordiligi mit ihrer Gleichnisarie an, denn fest "wie der Felsen" will sie mit dem Herzen zu ihrem Liebsten stehen - und ahnt doch, daß die Gewißheit bereits in Gefahr ist.Das Stück ist für die damalige Geliebte da Pontes geschrieben, deren schöne Stimme und ergreifenden Vortrag der Textdichter rühmt.Wolfgang Amadeus Mozart versieht die Arie, einen Höhepunkt seiner Komischen Oper "Cosí fan tutte", mit riesigen Intervallsprüngen und fulminanter Koloratur, wie sie der Opera seria anstehen, und die Musikwissenschaft hat vom "kulissenreißerischen Stil der Neapolitaner" gesprochen, von Parodie als Verspottung der Scarlatti-Arie.Denn im Grunde sei bei Fiordiligi keine tiefere Empfindung vorhanden, sondern nur herrische Natur, trotziger Eigenwille und starke Überzeugung von dem eigenen Wert, meint Hermann Abert / Jahn. Die neuere Rezeptionsgeschichte stellt das Verdikt in Frage.Und wenn heute Julia Varady mit dieser Musik umgeht, dann gibt es nirgends "tändelnde" Koloratur, nur vollen Ernst: die Sängerin verinnerlicht aus moderner Sicht das Wissen von der Unbeständigkeit der Gefühle, das Fiordiligi in eine Ekstase der Treue zu treiben scheint: diese Leidenschaft ist mit Artistik nicht zu verwechseln, obwohl das Barockelement vorhanden ist und von Julia Varady souverän beherrscht wird.Ihre Interpretation bringt zutage, daß das Pathos der Gestalt, die sich amazonenhaft darstellt, theatralisch in hohem Sinn und menschlich zugleich ist.Die wohlklingende Tiefe der Sopranistin, ihre beredte Gestaltung auch der Rezitative vor den Arien (Vitella und Fiordiligi) erfüllen den Raum der Dramatik, und das Publikum in der Deutschen Oper bestaunt jubelnd die konzertante Wiederkehr Julia Varadys. Das Mozart-Konzert mit dem Orchester der Deutschen Oper dirigiert Dietrich Fischer-Dieskau.Es ist müßig, im einzelnen aufzublättern, daß und warum der vielgerühmte Sänger ein Jahrhundert-Künstler ist.Nach dem Abschied von der vokalen Laufbahn, die auf immer neue Gipfel geführt hat, sind das Malen, in dem sich der Musiker widerspiegelt, das Schreiben, das Rezitieren, das Dirigieren geblieben.Ein Jahrhundert-Dirigent ist Fischer-Dieskau nicht und scheint sich auch kaum so einzuschätzen, denn der Auftritt ist alles andere als der eines Rattenfängers.War dem Sänger kein musikalischer Seitenpfad zu holperig, so wählt er in diesem Fall eine Mozart-Hitliste als Programm.Die Haffner-Sinfonie, nach der "Entführung aus dem Serail" 1782/83 für die den Mozarts befreundete Familie Haffner geschrieben, kündigt in dieser Wiedergabe an, daß naturgemäß ein reiner Interpretationswille da ist, aber die Realisierung sich noch auf dem Weg befindet.Fischer-Dieskau hat uns mittels seiner Leistung beigebracht, an seine Kunst die höchsten Maßstäbe anzulegen, die ein Zeitalter geprägt haben.Die finden sich nun zwar hier und da im einzelnen, aber nicht in der Ganzheit, weil der Dirigent sich von Akzenten und Seitendingen absorbieren läßt. So verliert sich ein Satz wie das Finale der Haffner-Sinfonie, das Mozart auch noch "so geschwind als möglich gehen" lassen will, ins Unreine, während die Piano-Repetitionen der ersten Violinen über der Zweiunddreißigstelführung der zweiten Violinen und Bratschen und gebundene Partien im Andante fließend gelingen, im Menuett eher das Trio, wo die Dirigierbewegung klein wird.Bei einem Dietrich Fischer-Dieskau ist es Sache der technischen Ökonomie, nicht der Vorstellungskraft, ob ein Tempo "steht".Darin ist das Schluß-Allegro der "Jupiter-Sinfonie" mit dem aufmerksamen Orchester, das den Berliner Sänger viele Jahre begleitet hat, dem Menuett überlegen.Das Andante cantabile hat weichen Fluß. In der Sinfonia concertante Es-Dur KV 364 für Violine und Viola läßt sich eine Entdeckung machen: die Interessantheit des russischen Solobratschisten Andrei Gridtchouk, der dem Orchester seit 1993 angehört.Der hellen Violine des Konzertmeisters Reinhold Wolf gesellt sich die wissende dunkle Antwort.Wo die beiden Soloinstrumente im konzerthaften Teil des Kopfsatzes locker und individuell hervortreten, sollte der Dirigent ihnen, ohne die in charakteristischer Chromatik gegebenen Achtelbetonungen optisch nachzuzeichnen, ein bißchen mehr Freiraum geben.Das Andante wiederum wird sensibel abgetönt, und in den beiden Mozart-Kadenzen verschwistern sich die gefeierten Soli.- Das Programm wird auf die Reise nach Japan mitgehen, und seinen Interpreten in der Suntory Hall in Tokio dürfte sachkundiges fernöstliches Interesse entgegensehen.

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