Zeitung Heute : Vom Rhythmus der Firmenlogos

DOROTHEA VON HANTELMANN

"Ars Viva 97/98": die Gewinner des BDI-Medienpreises im Hamburger Bahnhof und Beuys dazuVON DOROTHEA VON HANTELMANNSo viel Leere war nie.Die Bilderschau von Großmeister Polke ist abgehängt ist und der Hamburger Bahnhof liegt brach.Für spektakuläre Großausstellungen fehlt das Geld, also wird das Zwischenspiel zum Programm erhoben.Was hat Beuys mit zeitgenössischer Medienkunst zu tun? Gar nichts, aber bekanntermaßen rückt im Museum zusammen, was die Geschichte trennt.Derzeit treffen junge Medienkünstler auf den Klangkünstler Rolf Julius, ihre digitalen Bilder im einen Flügel, seine minimalistischen Experimente mit Kunst und Musik im anderen, oder - mit etwas mehr Pathos - eine inszenierte Synergie von westlichem Materialismus und spirituellen, fernöstlich beeinflußten Weltvorstellungen. Damit wären wir bei dem Eurasier Joseph Beuys angelangt, von dem der Hamburger Bahnhof jüngst zwei neue Leihgaben erhielt. Eine Identitätskrise des Museums? Direktor Peter-Klaus Schuster macht aus der Not die Tugend: "Der Hamburger Bahnhof ist gut in Bewegung." Die Kampfansage gegen die isolationistische Borniertheit des traditionellen Museums scheint nur verschleiern zu wollen, daß schlichtweg die Mittel für andere Modelle fehlen.Man arrangiert sich: zum Beispiel mit dem Kulturkreis der deutschen Wirtschaft des Bundes Deutscher Industrie, der am gleichen Ort die Ausstellung "ars viva 97/98" mit den fünf Medienkunst-Preisträgern eröffnete.Für das Museum ist dies Überlebensstrategie; für die Künstler springt ein Preisgeld von 10 000 DM und eine Wanderausstellung dabei raus - die Zementierung im Kunst-Establishment. Um dem überstrapazierten Thema Neue Medien neuen Gehalt zu verleihen, wurden kritische Haltungen und neue Positionen fokussiert: eine Neubewertung des oft enttäuschenden Mißverhältnisses zwischen aufgeblasener Hardware und bescheidenem Inhalt.Die prämiierten Künstler, Heike Baranowsky, Eva Grubinger, Daniel Pflumm, Heidi Specker und Wawrzyniec Tokarski sind alle um die dreißig Jahre alt und leben vorwiegend in Berlin.Sie operieren mit digitalen Bildbearbeitungen und Netzwerkkonzepten und arbeiten an technischen und gesellschaftlichen Schnittstellen zum Thema medialer Kommunikation und sozialer Interaktion. Eva Grubingers "Cut-Outs" sind Modellfälle für soziale Systeme.Kleine Aluminiumfiguren, die Cliquenwirtschaft und Beziehungsmuster nachstellen.Wawrzyniec Tokarski blendet manipulierte Ausschnitte aus bekannten Spielfilmen und Videospielen übereinander.Mit Textzitaten kombiniert, verlieren sie die Attraktion des Produkts und brechen Codierungen auf.Daniel Pflumm ist ein Grenzverkehrer zwischen Club Culture und Werbeästhetik.Seine abstrahierten Firmenlogos leuchten im schnellen Rhythmus elektronischer Technomusik.Aber wo sind die Positionen? Die Arbeiten verbleiben in ihrer Unverbindlichkeit im luftleeren Raum zwischen Dekonstruktion und raffinierter gesellschaftlicher Integration. Heike Baranowskys digital manipulierte Videoarbeit "Auto Scope" lokalisiert die Schnittstelle zwischen Stadt und Stadtrand."Interfaces" zwischen Innen und Außen, die als Panorama einer beziehungslosen Architekturlandschaft erfahren werden. Doch letztlich greifen die Vernetzungen nicht ineinander.Fünf vom BDI dem Hamburger Bahnhof angereichte Preisträger machen noch keine Ausstellung. Hamburger Bahnhof, Invalidenstr.50/51, bis 13.April; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, Sonnabend und Sonntag 11-18 Uhr Katalog 30 Mark.

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