Zeitung Heute : Vom Rummel zur Residenz

Südlich des Tiergartens entstand das neue Diplomatenviertel mit eindrucksvollen Bauten – ein wenig von der einstigen Ruinenromatik ist aber geblieben

Rolf Brockschmidt

Die Japaner hatten damals an den Wandel geglaubt. Im Vorfeld der Eröffnung des Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin (JDZB) am 8. November 1987 in der erst abgerissenen und dann wieder aufgebauten ehemaligen japanischen Botschaft in der Tiergartenstraße, sagte der damalige Generalsekretär des JDZB, Thilo Graf Brockdorff, dass das Gebäude nach japanischen Plänen bei einer möglichen Änderung der politischen Gesamtsituation wieder seine Funktion als Botschaftsgebäude erhalten werde. Das Zentrum sei nur Mieter auf Zeit. Damals hatten viele Deutsche den japanischen Glauben an so etwas wie eine Wiedervereinigung ein wenig belächelt. Der Senat von Berlin plante damals, in der ehemaligen Botschaft Italiens, ebenfalls eine Teilruine, die Akademie der Wissenschaften in Berlin/West unterzubringen. Baubeginn sollte 1989 sein, Fertigstellung 1991.

Mit dem Japanisch-Deutschen Zentrum war pünktlich und politisch gewollt zum 750. Geburtstag der Stadt wieder Leben in ein Viertel gekommen, das im Volksmund „Diplomatenviertel“ genannt wurde, von eifrigen Leserbriefschreibern aber in „Geheimratsviertel“ korrigiert wurde. Zu kurz war die Periode der Neuansiedlung der Botschaften am südlichen Tiergartenrand, die der größenwahnsinnigen Planung Albert Speers für „Germania“ weichen mussten.

Wer damals nach West-Berlin kam und sehen wollte, welche Spuren der Krieg hinterlassen hatte, der war südlich des Tiergartens zwischen Philharmonie und Zoo bis südlich zum Landwehrkanal gut aufgehoben. Eindrucksvolle Ruinen der alten Botschaften standen wie eine Filmkulisse im verwilderten Gelände, auf dem sich seltene Pflanzen hielten, Robinien wieder wuchsen und eine kleine Truppe von Prostituierten in Tag- und Nachtschicht ihrem Gewerbe nachging. Meist stand ihr Mercedes schon am Vormittag an der italienischen Ruine, die immerhin noch das Generalkonsulat beherbergte. Weitere Bewohner des Viertels waren die Jesuiten und das Canisius-Kolleg. Kurz dahinter die Kirche der Heiligen der letzten Tage. Dort, wo heute die Nordischen Botschaften mit ihrem grünen Kupferband zeigen, was gelungene PR in eigener Sache ist, war eine große Freifläche, die im März/April zum Frühlingsrummel genutzt wurde – in der Adventszeit konnte man hier Weihnachtsbäume kaufen. Ausländischen Besuchern war schwer zu vermitteln, dass es inmitten West-Berlins mehr als 40 Jahre nach Kriegsende so eine eigenwillige verrückte Brache gab – Ruinengrusel inbegriffen.

Zwischen Hofjägerallee und Zoologischen Garten hatte immerhin die Internationale Bauausstellung schon zum Stadtjubiläum die ersten Stadtvillen platziert. Spanien ist wahrscheinlich heute sehr froh darüber, dass es seine Teilruine am Zoogelände nicht für dessen Erweiterung an Berlin verkauft hat, so dass es heute in der ehemaligen Gesandtschaft wieder prächtig Hof halten kann. Ein Kuriosum in dem Viertel war die Botschaft Estlands in der Hildebrandtstraße, eines Staates, den es nicht mehr gab, dessen Besitz man aber nicht einfach der Sowjetunion zuschlagen konnte. Heute feiert das souveräne Estland seine Berliner Botschaft als eine der schönsten weltweit und als eine, die an die erste Phase der Unabhängigkeit nach 1918 erinnert.

Die wiedergewonnene Einheit der Stadt rückte das Areal allmählich in den Blickpunkt des Interesses. Eine Bundesgartenschau war im Gespräch, 1500 Wohnungen wollte man bauen, aber es wurde auch dezent an die einst wieder zu erlangende Hauptstadtfunktion erinnert – denn Hauptstädte haben bekanntlich Botschaften. Nach dem Hauptstadtbeschluss des Deutschen Bundestages 1991 war zumindest den Japanern klar, dass sie – wie angekündigt – wieder Anspruch auf ihr Gebäude erheben werden – um es wieder als Botschaft zu nutzen. Andere schlugen vor, die Vertretungen der Länder beim Bund auf diesem Areal zu konzentrieren.

Mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin 1999 gewann auch die Neuplanung von Botschaften an Fahrt. Den ersten Paukenschlag setzten 1999 Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden mit ihrem Komplex der Nordischen Botschaften einschließlich des von allen fünf Ländern mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Konferenzen zu bespielenden Felleshus, das den Berlinern offen steht. Eine moderne Botschaft wird immer mehr zum Marketinginstrument des Landes. Mit dem wundervoll markanten Bau von Teodoro Gonzaléz de Léon und Francisco Serrano setzte Mexiko einen deutlichen Akzent an der Hofjägerallee. Auch hier laden Ausstellungen ein, sich mit der Kultur des Landes zu beschäftigen. Die Botschaft Mexikos ist Teil des Klingelhöfer Dreiecks, auf dem der Bauunternehmer Groth hochwertige Wohnungen und Büros errichtet hat. Hier haben die Botschaften Luxemburgs, Bahrains, Maltas und Monaco in einem Gebäude Platz gefunden, gleich nebenan Malaysia. Die südliche Ecke des Klingelhöfer Dreiecks markiert der gläserne Bug der CDU-Bundeszentrale, vor der in schöner Regelmäßigkeit die Kamerateams geduldig auf Neues warten, am Eingang postieren – Hauptstadt live.

Die Tiergartenstraße hat sich inzwischen in eine Art diplomatische Promenade entwickelt, seit letztem Jahr führt auch endlich ein Fußweg durch den Tiergarten parallel zur Straße, so dass man mit Abstand die Botschaftsbauten bewundern kann. Österreich trumpft mit dem Hollein-Bau an der Ecke Stauffenbergstraße markant auf. Die weiße Landesvertretung Baden-Württembergs mit ihrem trichterförmigen Eingang, der die Besucher architektonisch-magnetisch anzieht, stellt sich ein Bundesland dem Größenwettbewerb mit dem prachtvoll schlichten Gebäude der Botschaft Indiens aus Rajasthan-Sandstein und dem eindrucksvollen Bau Südafrikas.

Trotz aller Verbesserungen der letzten 20 Jahre hat das Diplomatenviertel noch ein Hauch Ruinenromantik zu bieten, die jetzt aber immer krasser hervorsticht. Immerhin kaschiert jetzt eine Planenfassade den Blick auf die Ruine der griechischen Botschaft auf dem verwilderten Grundstück. Griechenland wartet noch auf den Prinzen, der das Gebäude aus dem Dornröschenschlaf wach küsst. Ein weiteres Stück jahrzehntealtes Brachland weicht den entstehenden ambitionierten Stadtvillen des Projektes „Diplomatenpark“, mit dem der Bauunternehmer Groth zur Belebung des Viertels beiträgt. Und zwischen Canisius-Kolleg und Konrad-Adenauer-Stiftung wartet die Botschaft von Saudi-Arabien auf ihre Eröffnung. Zwanzig Jahre haben das Viertel von Grund auf verändert, Berlin ist hier als Hauptstadt erfahrbar, die Botschaften öffnen sich und bringen Kultur und Vielfalt mit, die Wohnungen werden das Viertel weiter beleben und zum Flanieren einladen. Gastronomisch ist die Region allerdings noch Entwicklungsgebiet. Immerhin bietet das Restaurant im 2. Stock des Felleshus im Komplex der Nordischen Botschaft einen stilechten Stützpunkt für den erschöpften Flaneur. Rolf Brockschmidt

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